Windenergie

Die ersten Windräder in der Nordsee erreichen ihr Lebensende

dpa

Von dpa

Di, 19. Mai 2020 um 11:47 Uhr

Wirtschaft

Der Rückbau von Windkraftanlagen in der Nordsee wird in den kommenden Jahren erheblich zunehmen – und teurer werden als geplant. Doch es fehlen einheitliche Regeln.

Der Rückbau von Windkraftanlagen in der Nordsee wird in den kommenden Jahren erheblich zunehmen und teurer als geplant. Das ist das Ergebnis von Studien des Hamburgischen Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI und anderer Institutionen, die sich in einem internationalen Projekt zusammengefunden haben.

Offshore-Windräder halten fünf bis zehn Jahre kürzer als Windräder an Land

Demnach sind noch in diesem Jahr 22 Windräder aus der Nordsee zu entfernen, wie das HWWI mitteilte. Im Jahr 2023 werden es 123 Turbinen und im Jahr 2030 mehr als 1000 Windkraftwerke sein, die das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben.

Wegen der schwierigen Witterungsbedingungen auf See und der aufwendigen Wartung wird die technische Haltbarkeit von Offshore-Windrädern auf nur 20 bis 25 Jahre geschätzt und damit fünf bis zehn Jahre kürzer als an Land. Danach werden die Anlagen entweder runderneuert und verstärkt (Fachleute sprechen von Repowering) oder komplett zurückgebaut und entsorgt.

Deutsche Windkraftwerke sind noch nicht betroffen

Die deutschen Offshore-Windkraftwerke sind noch nicht betroffen, weil die ältesten Anlagen erst gut zehn Jahre alt sind. Es gibt aber ältere Windkraftwerke in der Nordsee, etwa in Skandinavien, den Niederlanden und Großbritannien.

Erste Erfahrungen mit dem Rückbau von Windrädern auf See haben die beteiligten Unternehmen in den vergangenen Jahren bei rund 20 Einzelanlagen und kleinen Windparks in mehreren Ländern gesammelt, vornehmlich in Schweden und Dänemark. Ein standardisiertes Verfahren gibt es jedoch noch nicht, dazu ist die Branche zu jung. Der Rückbau soll möglichst umweltfreundlich sein und wenig CO2 freisetzen.

"Die bisherigen Rückbauprojekte haben einen Mangel an Dokumentation offengelegt." Mirko Kruse
"Die bisherigen Rückbauprojekte haben einen Mangel an Dokumentation offengelegt", sagte der HWWI-Forscher Mirko Kruse. "So waren beispielsweise die verwendeten Materialien der Anlagen nicht im Einzelnen aufgeführt, und auch die Menge des verwendeten Betons im Fundament lag deutlich höher als ursprünglich angenommen." Nicht alle Firmen, die als Pioniere die ersten Windkraftanlagen im Meer errichteten, existieren noch – und mit ihnen sind die Bauunterlagen verschwunden.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen widersprechen sich zum Teil

Unterschiedlich geregelt seien die rechtlichen Rahmenbedingungen zwischen den Nordsee-Anrainerstaaten, die sich in Einzelheiten sogar widersprächen, heißt es in der Studie. Ob die Betonfundamente der Anlagen beispielsweise an ihrem Platz bleiben dürfen, während nur die Aufbauten entfernt werden, oder was mit den Stromkabeln auf und im Meeresgrund passiert, ist bisher nicht einheitlich geregelt.

Das Umweltbundesamt (UBA) hatte im November 2019 gewarnt, dass Deutschland nicht ausreichend auf das Recycling ausrangierter Windräder vorbereitet sei. Ein umfangreiches Forschungsprojekt hat laut UBA ergeben, dass "Engpässe bei den Recyclingkapazitäten für die faserverstärkten Kunststoffe der Rotorblätter und Risiken für Mensch und Umwelt beim unsachgemäßen Rückbau" drohten.

Wenn immer mehr Anlagen in die Jahre kommen, wird aus dem Abriss ein Geschäft

Die Windkraftbranche durchläuft damit die gleiche Entwicklung wie zuvor die Öl- und Gasförderung, die nach der Erschöpfung der Felder Hunderte von Förderplattformen in der Nordsee zurückbauen muss. Dafür gibt es bereits viele hoch spezialisierte Firmen; es geht um ein Milliardengeschäft. Ähnlich könnte es in der Windindustrie kommen.

Wenn immer mehr Anlagen in die Jahre kommen, wird aus dem Abriss ein gewinnbringendes Geschäft. "Wir benötigen gute Rückbaukonzepte, um ökonomisch und ökologisch effizient zu agieren und somit auch nachhaltig zu arbeiten", sagte Silke Eckardt, Professorin für zukunftsfähige Energieversorgung und Ressourceneffizienz an der Hochschule Bremen.

Rückbau könnte zur Chance für die norddeutschen Häfen werden

Die Kosten für den Rückbau einer Windkraftanlage liegen zwischen zwei und zehn Prozent der Investitionskosten, je nach Lage und Ausrüstung. Schon jetzt stehen gut 4500 Windräder in der Nordsee, und es werden in jedem Jahr mehr.

Neue Chancen sehen die Forscher auch für Häfen. "Insbesondere Norddeutschland kann mit seinen Seehäfen wichtige Anlaufstellen für zukünftige Aktivitäten in diesem Bereich schaffen", sagte Isabel Sünner vom HWWI. Neben infrastrukturellen Engpässen fehle es allerdings absehbar an qualifiziertem Personal, um den Rückbauprozess zu begleiten. "Wenn sich jedoch die Häfen und nachgelagerten Industrien jetzt zeitnah auf die kommenden Herausforderungen einstellen, ergibt sich ein neues Betätigungsfeld für die norddeutschen Standorte."

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