Ausstellung

Die Fondation Beyeler in Riehen zeigt Meisterwerke aus ihrer eigenen Sammlung

Michael Baas

Von Michael Baas

Mi, 14. Oktober 2020 um 13:00 Uhr

Basel

Die Fondation Beyeler in Riehen bespielt den Piano-Bau fast völlig mit Meisterwerken der eigenen Sammlung. Eine zweite, kleine Schau widmet sich der Fotografin Roni Horn.

Im Vordergrund des großformatigen Gemäldes reißt ein Löwe auf einer Lichtung eine Antilope. Im Detail wirkt der tierische Fressakt durch eine Träne, die der Antilope aus dem Auge kullert, aber skurril vermenschlicht. Auch andere Bildelemente sind verfremdet: Im Hintergrund glüht eine rote, untergehende Sonne jenseits aller Naturgesetze zwischen einem angedeuteten Gebirgszug und einem geilenden, grünen Dschungelszenario.

Flächig und ohne Perspektive spielt Henri Rousseaus "Der hungrige Löwe ... " mit Fantasien und Motiven des 19. Jahrhunderts – vom Exotismus bis zum Tierpanorama – und formt eine neue Bildsprache des beginnenden 20. Jahrhunderts. Diesem "Signaturbild", wie es Kurator Ulf Küster nennt, gewährt die mit dem Titel spielende Sammlungspräsentation der Fondation Beyeler einen Saal fast für sich allein.

Spiel mit der Figuration

In der weißen Box korrespondieren die Fantasien des Zollbeamten nur mit einem der verspielten Mobiles Alexander Calders; sonst kontrastiert die fiktive Welt nur mit der durch die große Glasfront an der gegenüberliegenden Front des Rechtecks sichtbaren realen Natur des Parks. In acht so speziell arrangierten Szenarien zeigt die Fondation nun Meisterwerke ihrer Sammlung von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart.

Da begegnen zwei frühe Arbeiten Wassily Kandinskys aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die sich von der Figur ab- und der Abstraktion zu wenden, dem späten Paul Klee, der ebenfalls mit der Figuration spielt. Da widmet sich ein Raum dem Spätwerk von Henri Matisse und dessen Scherenschnitten wie "Nu blue 1" von 1952, die das malerische und plastische Schaffen verbinden und einen Kontrapunkt setzen zur Unbill des Lebens, die der damals schon schwer krebskranke Künstler verspürte. Da gibt es Räume mit Skulpturen von Alberto Giacometti und Installationen von Louise Bourgeois. Da widmet sich ein Raum dem Abstrakten Expressionismus mit Werken von Willem de Kooning oder Clyfford Still, dessen großformatiges "PH131" von 1951 die Landschaftsmalerei mit strukturierten Farbflächen weit ins Abstrakte treibt.

Sieben auf Sockeln arrangierte Plattenspieler

Ein weiterer Spot zeigt Parallelen zwischen Edward Hoppers "Cape Ann Granite" sowie van Gogh und Paul Cézanne. Trotz der Epochenunterschiede spielen alle mit verdeckten Aussichten auf die Ferne. Zum Abschluss bietet der Parcours die Klanginstallation "Seven Tears" von Susan Philipsz, die schon in der Ausstellung "Resonating Spaces" vor einem Jahr vertreten war.

Sieben auf Sockeln arrangierte Plattenspieler verbindet die in Berlin lebende 55-jährige Klangkünstlerin mit Tönen einer Komposition des Shakespeare-Zeitgenossen John Dowland zu einer Klangskulptur, deren meditativ-melancholische Aura eine spezielle Schwingung in der Fondation verbreitet.

Island ist groß genug, um sich zu verlieren

Eine zweite, kleine Schau widmet sich Roni Horn, die die Fondation bereits 2016 groß präsentierte. Der Fokus "You Are the Weather" zeigt eine Serie von 100 Fotografien. Diese entstanden im Sommer 1994 auf Island und zeigen Porträts einer jungen Frau beim Bad in den Naturbecken der Vulkanlandschaft. Die Gesichtszüge aber offenbaren bei aller Monotonie unterschiedliche Gefühle und Nuancen. "Island sei groß genug, um sich zu verlieren, aber auch klein genug, um sich zu finden", beschreibt die New Yorkerin ihr Verhältnis zu der Insel. Dieses Spiel zwischen Sich-Verlieren und Sich-Finden durchzieht auch die Fotoserie.

Die Fondation blicke auf einen schwierigen Sommer zurück, schilderte Kurator Küster Hintergründe. Seit Juni läuft der Ausstellungsbetrieb zwar wieder, vieles aber gestaltet sich noch zäh. Infolge bespielt die Fondation den Renzo-Piano-Bau erstmals seit langem weitgehend mit ihrer Sammlung. Denn bis Mitte November läuft parallel noch die Schau "Silent Visions". Das ergibt einen selten breiten Fokus auf Eigenes. Dazu passt das Restaurierungsprojekt des Mondrian-Bestandes, in das im Untergeschoss ein Zaungast-Blick geboten wird.
Fondation Beyeler, Riehen: "Der Löwe hat Hunger...". Bis 28. März 2021.
Roni Horn: "You are the Weather". Bis 17. Januar, täglich 10–18 Uhr, Mi bis 20 Uhr.