Die Himmelsleiter der Poesie

Michael Braun

Von Michael Braun

Mo, 23. März 2020

Literatur & Vorträge

Sie sollten einander und ihr Publikum im Freiburger Literaturhaus treffen und sprechen nun durch ihre Werke: Marion Poschmann und Alexandru Bulucz.

Es war geplant als eine Begegnung poetischer Kosmopoliten. Drei bedeutende aktuelle lyrische Stimmen sollten im Freiburger Literaturhaus miteinander ins Gespräch kommen: Dagmara Kraus, die in Polen geborene polylinguale Poetin, Marion Poschmann, die herausragende Gestalt der Gegenwartsdichtung, und der junge sprachbegeisterte Poet Alexandru Bulucz. Das Gespräch auf der Bühne kann wegen der corona-bedingten Lähmung des Kulturbetriebs nicht stattfinden. Aber die neuen Bücher von Marion Poschmann und Alexandru Bulucz sprechen in großer Intensität zu uns.

Marion Poschmanns neue Gedichte darf man sich als faszinierende Modelle für eine Poesie im Zeitalter des Anthropozäns vorstellen. Jenes Erdzeitalters also, das durch die massive Intervention des Menschen in Landschaft, Klima und Artenvielfalt geprägt ist. Poschmann reagiert darauf mit Gedichten, die vom irreversiblen zerstörerischen Eingriff des Menschen in die Natur erzählen und zugleich der noch nicht verschwundenen Magie der einzelnen Naturphänomene zu sinnlicher Präsenz verhelfen. Bereits ihre Gedichtbücher "Grund zu Schafen" (2004) und "Geistersehen" (von 2010) waren starke Pionierleistungen auf dem Weg zu einem neuen, postromantischen Naturgedicht.

Nun hat sie eine neue Meisterschaft in der ästhetischen Naturwahrnehmung erreicht. Bereits mit dem langen Titelgedicht "Nimbus" beginnt die Dichterin ein schönes Vexierspiel mit den alten Natur-Topoi. Es verweist nämlich nicht nur im wetterkundlichen Sinn auf die dunkle graue Wolke, die lang anhaltende Niederschläge ankündigt, sondern lässt im Assoziationsraum auch die transzendentalen Konnotationen des Wortes aufsteigen.

Die spirituelle Bedeutung von "Nimbus" als Aura oder Gloriole wird mit meditativen Aspekten der japanischen Ästhetik verknüpft. So ist "Nimbus" auch eine Reflexion über "gestaltlose" Dunkelheit und über die Erfahrung von Innen- und Außenraum beim Blick auf den Grund einer Teeschale. Es geht in diesen Gedichten um animistische Naturbeschwörung – wie auch um die Naturzerstörung durch die omnipräsenten "Kunststoffwunder": "Seltsam, daß Dinge wie Haarspray mit mir zusammen/ zur Welt kamen. Meine Kindheit jene der Tetrapaks,/ Plastiktüten und Kühltruhen. Letztens erst trieben/im Müllstrudel Tausende Überraschungseikapseln/ mit Spielzeug gefüllt an den Stand von Langeoog." Der dunklen Wolke, dem "Nimbus", entsteigen in Marion Poschmanns fabelhaftem Gedichtbuch schöne poetische Illuminationen wie auch düstere Utopien.

Ihr jüngerer Kollege Alexandru Bulucz ist ein Dichter, dessen Sprachbegeisterung sich an der Etymologie und der Klangverwandtschaft der Wörter entzündet. Das hat mit seiner Erfahrung der Zweisprachigkeit zu tun. 1987 im rumänischen Alba Julia geboren, hat sich Bulucz immer an jenen polylingualen Regionen zwischen Siebenbürgen und der Bukowina orientiert, jener schon von Paul Celan gerühmten "Gegend, in der Menschen und Bücher lebten". "Geboren im Osten, im Westen des Siebenbürgischen/ Beckens, der Gebärmutter, Eltern Musiker, Vater Gesang / u. Gitarre, Mutter Hausfrau u. schrill": So beginnen die "Erinnerungen, Defragmentierungen", in denen der Autor seiner Herkunft auf den Grund geht.

Im Juli 2000 setzte man den 13-jährigen Alexandru allein in einen Reisebus, der ihn damals nach Deutschland brachte – was einem Schock gleichkam, denn die Ankunft in der Fremde war zunächst eine Heimsuchung und ein großer Sprachverlust. Das aufregendste Gedicht seines fulminanten Bandes "Was Petersilie über die Seele weiß", das lange Poem "Stundenholz", verknüpft die zentralen Motive des Autors zu einer bewegenden Litanei über Herkunft und Heimat, Sprache und Religion. Den formal strengen Rahmen für "Stundenholz" liefern das katholische Rosenkranzgebet und die Beschwörung christlich-orthodoxer Riten. So ertönt hier auch das "Stundenholz", die sogenannte "Toaca", das hölzerne Schallbrett, mit dem in den orthodoxen Kirchen zum Gottesdienst gerufen wird. Die Klänge der "toaca", heißt es, "spannten eine Himmelsleiter auf uns zu u. über uns hinaus." Es ist ein großes Leseglück, ihm auf dieser Himmelsleiter zu folgen.

Marion Poschmann: Nimbus. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 120 Seiten, 22 Euro; Alexandru Bulucz: Was Petersilie über die Seele weiß. Gedichte. Schöffling & Co., Frankfurt 2020. 114 Seiten, 20 Euro.