Wohnungsmarkt

Die Immobilienpreise steigen langsamer

Rolf Obertreis, Bernd Kramer

Von Rolf Obertreis & Bernd Kramer

Mo, 08. August 2022 um 18:20 Uhr

Wirtschaft

Angesichts höherer Zinsen sind Wohnungen mitunter sogar billiger geworden, sagt der Hypothekenkreditvermittler Interhyp. Die Blasengefahr auf dem Immomarkt sinkt dadurch.

Der Anstieg der Immobilienpreise hat sich im zweiten Quartal abgeschwächt. Einer Analyse des Hypothekenvermittlers Interhyp zufolge waren Häuser und Wohnungen zwischen April und Juni um 0,9 Prozent günstiger als im ersten Quartal und 7,6 Prozent teurer als im zweiten Quartal 2021.

Im ersten Vierteljahr waren die Preise mit rund 14 Prozent noch doppelt so stark gestiegen. In München, Köln und Leipzig sind Immobilien günstiger als vor einem Jahr. Reiner Braun, Geschäftsführer des Immobilienforschungsinstituts Empirica, spricht von einer sinkenden Blasengefahr am Immobilienmarkt.

Interhyp-Vorstandschef Jörg Utecht macht für die Abschwächung des Preisanstiegs die deutlich höheren Zinsen verantwortlich. Seit Jahresanfang sind die Zinsen für Hypotheken mit zehnjähriger Zinsbindung von rund einem Prozent auf zeitweise mehr als 3,5 Prozent geklettert. Zuletzt sind die Zinsen für Immobilienkredite allerdings wieder etwas zurückgegangen. "Viele wollten sich ihr Kaufvorhaben noch zu günstigen Zinsen sichern. Aber mit den steigenden Zinsen haben mehr Menschen neu kalkuliert, sind bei der Immobilie Kompromisse eingegangen oder haben vom Immobilienkauf vorerst Abstand genommen", sagte Utecht.

München bleibt die teuerste Großstadt in Deutschland

Interhyp zufolge sind die Preise in Köln, Leipzig und München im zweiten Quartal sogar im Vergleich zum Vorjahresabschnitt zurückgegangen. In Köln um 7,9 Prozent auf durchschnittlich 568 000 Euro (inklusive Nebenkosten), in Leipzig um 1,1 Prozent auf 350 000 Euro, in der bayrischen Landeshauptstadt um 2,4 Prozent auf 894 000 Euro. München bleibt damit gleichwohl die teuerste Großstadt in Deutschland.

Man beobachte auch eine wieder zunehmende Verhandlungsbereitschaft von Verkäuferinnen und Verkäufern. Zudem gibt es nach Ansicht von Utecht wegen des aktuellen Zwischentiefs beim Zins wieder mehr Spielraum bei Interessenten. Der Kauf werde wieder leistbarer. Durch die Verdreifachung der Zinssätze seit Jahresanfang auf rund 3,5 Prozent für Zehn-Jahres-Hypotheken habe sich eine zusätzliche jährliche Belastung von 6000 bis 8000 Euro ergeben. Das ist jetzt bei Zinsen von unter drei Prozent etwas weniger. Interhyp erwartet aber bis Jahresende wieder einen Zinsanstieg auf 3,5 bis vier Prozent.

Die durchschnittliche Baudarlehenssumme ist gestiegen

Mittlerweile haben Darlehen für die Immobilienfinanzierung eine Laufzeit von mehr als 14 Jahren, so Interhyp. Vor Jahresfrist waren es noch gut 13 Jahre. Im Schnitt ist die Darlehenssumme von 356 000 auf 379 000 Euro gestiegen.

Reiner Braun von Empirica sagte: "Die Blasengefahr wird sinken. Das Ende der Niedrigzinsen bremst ein weiteres Aufblähen der Kaufpreise im Bestand und der Preis-Einkommens-Relationen. Rückläufiger Wohnungsbau verhindert die Produktion von Leerstand und stützt so auch die Bestandspreise." Von Blasen an Vermögensmärkten wie dem Immobilienmarkt spricht man, wenn die Preise aus dem Ruder laufen, also zum Beispiel in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zu Mieten oder Einkommen stehen.

Angesichts der geringeren Neubautätigkeit rechnet Braun mit in der Tendenz mit eher steigenden Mieten: "Wenn aber das Angebot langsamer wächst und die Nachfrage nicht einbricht, dann steigen die Knappheit (am Wohnungsmarkt, Anm. d. Red.) und mit ihr im Durchschnitt auch die Mieten."

Langfristige Zinsbindung ist für Deutschland typisch

Die Gefahr einer Finanzkrise wegen Immobilienkrediten, die nicht mehr bedient werden können, schätzt Braun derzeit als vergleichsweise gering ein. Grund dafür sei die für deutsche Immobiliendarlehen typische langfristige Zinsbindung. So endet derzeit die Zinsbindung vieler Baudarlehen, die vor zehn Jahren abgeschlossen wurden. Sie weisen einen ähnlich hohen Zins auf wie Immobilienkredite, die gerade vergeben werden.