Gender Pay Gap

Die Lohnlücke zwischen Frau und Mann ist "inakzeptabel"

Alexander Sturm /BZ

Von Alexander Sturm (dpa)/BZ

Do, 14. März 2019 um 20:22 Uhr

Wirtschaft

Frauen in Deutschland verdienen im Schnitt gut ein Fünftel weniger als Männer. Die Lohnlücke schrumpfte laut Statistischem Bundesamt auch 2018 nicht. Allerdings muss man genau hinschauen.

Besonders groß ist die Lücke in den alten Bundesländern, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte. Zum Großteil sei der Gehaltsunterschied jedoch strukturell begründet. Um solche Effekte bereinigt, beträgt er sechs Prozent.

Frauen verdienten im vergangenen Jahr 17,09 Euro brutto je Stunde und damit im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer (21,60 Euro). Im Vorjahr waren es ebenfalls 21 Prozent gewesen. Besonders groß war der Abstand im Westen mit 22 Prozent, wohingegen er im Osten sieben Prozent betrug. Seit 2006 hat sich die Lücke um zwei Prozentpunkte verringert.

Die Statistiker betonten, dass drei Viertel der Lohndifferenz strukturelle Gründe habe: Frauen ergriffen oft schlechter bezahlte Berufe und hätten seltener Führungspositionen. "Auch arbeiten sie häufiger in Teilzeit und in Minijobs und verdienen deshalb im Durchschnitt pro Stunde weniger." So hatte 2017 fast jede zweite Erwerbstätige eine Teilzeitstelle, bei den Männern war es nicht einmal jeder Zehnte. Bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit ist die Lücke viel kleiner: Dann erhalten Frauen je Stunde sechs Prozent weniger Lohn als Männer.

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) nannte die Lohnlücke "inakzeptabel". Große Unterschiede zwischen Ost und West sieht das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die Gehälter im reichen Baden-Württemberg oder Bayern klafften viel stärker auseinander als in Brandenburg oder Thüringen. Das zeigt eine nicht-repräsentative Umfrage unter 309 000 Beschäftigten auf dem Böckler-Internetportal Lohnspiegel.de. Frauen arbeiteten oft als Verkäuferin oder Erzieherin, wohingegen Männer gut bezahlte Jobs in der Industrie hätten. Und davon gebe es in der Autobranche im Südwesten besonders viele, so das WSI.

Im Osten seien nach der Wende hingegen viele Industriejobs weggebrochen – und damit entsprechende Verdienstmöglichkeiten für Männer. Auch arbeiteten im Osten mehr Mütter in Vollzeit, sagte WSI-Expertin Yvonne Lott. Bei der Vollzeitbeschäftigung von Frauen hinke Deutschland hinterher, stellte die Beratungsgesellschaft PWC fest.

In Schweden arbeiteten 83 Prozent der Frauen in Vollzeit, in Island 76 Prozent, wohingegen es in Deutschland nur 63 Prozent seien. "Deutschland kommt bei der Förderung von Frauen im Arbeitsleben wenn überhaupt nur sehr langsam voran", so PWC-Partnerin Petra Raspels.

Nachholbedarf sieht der Sozialverband VdK: Frauen bräuchten Chancen auf gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Politik müsse die Vereinbarkeit von Beruf, Pflege und Kindererziehung dringend stärken, denn "niedrige Löhne bedeuten niedrige Renten". Wie sehr Frauen hinterherhinken, hängt laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auch von der Branche ab. Die Lücke sei da besonders groß, wo etwa gleich viele Männer und Frauen arbeiten und großer Wert auf längere Arbeitszeiten gelegt werde. Beispiele seien Unternehmensberatung und Controlling, besagt eine Studie von Anfang März. Hilfreich gegen Lohnungleichheit seien Tarifverträge und das Aufteilen von Führungsposten auf mehrere Beschäftigte, so DIW-Forscherin Aline Zucco. Am 18. März ist Equal Pay Day: Bis zu diesem Datum müssen Frauen arbeiten, um das Einkommen zu verdienen, das Männer bereits am 31. Dezember 2018 hatten.