Die Mutter der Freiheitsbewegung

Ulrich Krökel

Von Ulrich Krökel

Do, 17. September 2020

Ausland

IM PROFIL: Die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist die Identifikationsfigur der Opposition in Belarus.

Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Mit dieser Feststellung fing alles an bei Swetlana Alexijewitsch. Das war 1983, als die Belarussin einen Dokumentarroman über das Schicksal und die Taten von Soldatinnen und Sanitäterinnen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg vollendete. Doch die Zensur kassierte das Buch. Alexijewitsch habe die Ehre der Sowjetarmee in den Dreck gezogen. Die Tochter einer ukrainischen Dorfschullehrerin und eines belarussischen Kommunisten gehörte von da an zu den Feinden im herrschenden System. Und so begann das Dauerdrama eines Lebens im Kampf gegen Lüge und Gewalt.

In diesem Spätsommer der belarussischen Freiheitsrevolte führt die 72-Jährige ihren Kampf entschlossener denn je. Obwohl sie 2015 für ihr Schaffen den Literaturnobelpreis erhalten hat und sich darauf ausruhen könnte. Stattdessen ruft sie dem Diktator Alexander Lukaschenko Sätze entgegen, die zu Parolen der Demokratiebewegung werden.

"Hau ab", forderte Alexijewitsch schon drei Tage nach der Präsidentenwahl im August, an die Adresse des Diktators gerichtet, der die Abstimmung mit 80 Prozent gewonnen haben wollte. "Lüge", urteilte die Nobelpreisträgerin, Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja habe gesiegt. Seither ziehen sonntags Zehntausende Menschen durch die Städte von Belarus und skandieren "Hau ab!" Von Alexijewitsch stammt auch der Satz vom "Krieg eines Einzelnen gegen sein eigenes Volk", den Tichanowskaja in ihren Videobotschaften aus dem Exil in Litauen immer wieder verwendet.

Eine andere zentrale Figur der Opposition, Maria Kolesnikowa, widersetzte sich der Abschiebung in die Ukraine, indem sie ihren Pass zerriss. "Bravo, Mascha", kommentierte Alexijewitsch die Aktion und verwendete eine Koseform des Namens Maria, als wäre sie die Mutter der 38-Jährigen. Sie könnte auch die Mutter all der anderen jungen Frauen sein, die den Freiheitskampf in Belarus prägen. Es ist ja unübersehbar, seit sich Tichanowskaja entschloss, bei der Wahl gegen Lukaschenko anzutreten: Dieser "Krieg" hat ein weibliches Gesicht.

Lukaschenkos Schergen haben nicht nur Kolesnikowa mit "Tod und Zerstückelung" bedroht, wie ihre Anwältin berichtete. Auch bei Alexijewitsch tauchten immer wieder maskierte Männer auf und versuchten sie einzuschüchtern. Das war der Grund, warum am 10. September ein knappes Dutzend EU-Diplomaten bei Alexijewitsch vorbeischaute. "Wir sehen nach ihr", teilte die schwedische Außenministerin Ann Linde mit und kündigte weitere Besuche an. Seither sind regelmäßig Abgesandte westlicher Botschaften bei ihr zu Gast.

Auch verhört wurde Alexijewitsch schon. Das war kurz nach der Bildung des oppositionellen Koordinierungsrates am 18. August, in dessen Präsidium sich die Schriftstellerin wählen ließ. Der Rat sollte einen nationalen Dialog organisieren. Doch Lukaschenko erklärte das Gremium für illegal. Mittlerweile sitzen alle seine Führungsfiguren in Haft oder wurden ins Exil gezwungen. Nur Alexijewitsch ist noch in Freiheit. Gewiss auch wegen ihrer Prominenz.

Dabei ging es der Schriftstellerin nie um Ruhm. Interviews gibt sie nur sehr selten. Öffentlichkeit will sie für die Helden und Heldinnen ihrer Werke herstellen. Für die Mütter gefallener Afghanistankämpfer zum Beispiel in dem Buch "Zinkjungen". Sie hat über die Liquidatoren der Atomkatastrophe in Tschernobyl geschrieben und über das Leben in der Sowjetunion ("Secondhand-Zeit"), meist in Collagen auf der Basis vieler Gespräche, die sie geführt hat.

Für ihr Werk erhielt sie nicht nur den Nobelpreis, sondern 2013 auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Ein wenig unterbelichtet geblieben ist dabei das Leben einer Frau, die 1948 in Galizien zur Welt kam und in größter Armut aufwuchs. Eine Zeitlang hielten orthodoxe Nonnen sie mit Ziegenmilch am Leben. Das war schon in Belarus, der Heimat des Vaters, wo sie Journalismus studierte und zur Literaturredakteurin aufstieg. Doch dann begegnete sie einer Frau, die im Weltkrieg Scharfschützin gewesen war. Sie führte immer neue Gespräche mit Zeitzeuginnen. Daraus entstand ihr erstes Buch – mit dem für Alexijewitsch das begann, was sich in der Freiheitsrevolte 2020 vollenden könnte.