Oper

Die Osterfestspiel-Premiere mit Robert Wilsons "Otello"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 15. April 2019 um 20:15 Uhr

Theater

In Baden-Baden hatte Giuseppe Verdis spätes Meisterwerk "Otello" – verpackt in die minimalistische Inszenierungssprache Robert Wilsons – mit den Berliner Philharmonikern unter Zubin Mehta Premiere.

Der Elefant, ist in der Enzyklopädie "Brehms Tierleben" (Band 10, Ausgabe 1927) zu lesen, bekunde "mehr Einfalt als Klugheit". Es sei falsch, wenn von ihm behauptet werde, dass er ein reizbares Tier sei: "Sein Wesen ist mild und ruhig". Jener Elefant, der auf großformatigen Projektionen und in einer lebensgroßen, naturgetreuen Nachbildung auf der Bühne des Festspielhauses Baden-Baden minutenlang zu sehen ist, hat sich hingelegt. Um zu schlafen? Um zu sterben? Nur noch sein rechtes, an einen Lederlappen erinnerndes Ohr bewegt sich in Zeitlupe auf und ab. Und das kleine rechte Auge glüht – gelb, wie die Eifersucht. Von "blödem, aber gutmütigem Ausdruck" (Brehm) kann nicht die Rede sein.

Wir wissen nicht, was den Regisseur Robert Wilson bewogen hat, seiner Osterfestspiel-Inszenierung von Giuseppe Verdis spätem Meisterwerk "Otello" dieses stumme Bild voranzustellen, wie einen Prolog. Wir können es nur ahnen. Otello ist der Elefant. Shakespeares bzw. Arrigo Boitos tragischer Held erfährt ein unabänderliches Schicksal, wird zum Opfer seiner eigenen Gutmütigkeit sprich Gutgläubigkeit. "Ungereizt greift er niemals an", schreibt Alfred Brehm über den Elefanten. Jago, der abgrundtief Böse, weckt diesen Reiz. Und treibt den Elefanten Otello in die (Selbst)Zerstörung.

Niemals wird erklärt, alles abstrahiert

So könnte es sein. Muss aber nicht. Denn wer Wilson einkauft, bekommt Wilson. Die Ästhetik des 77-jährigen texanischen Regiestars hat sich in all den Jahrzehnten nicht verändert – eine in sich geschlossene Bildsprache, die auf dem Reißbrett entworfen wird, ganz stark von der Emanzipation der Farben und Formen lebt, vor allem aber: niemals erklärt, alles abstrahiert, einschließlich der Dramatis personae. Und die die Langsamkeit zum Prinzip erhebt. Wie sollte es bei diesem "Otello" also anders sein?

Man muss sich darauf einlassen, ansonsten wird dieser Abend zur todlangweiligen Performance. Freilich hat auch Wilsons Ikonographie und Szenographie unterschiedliche Qualität. Dort wo Handlung und Musik in die Fläche gehen – bei "Otello" ist das im vermutlich schwächsten, dem dritten, Akt der Fall – kann sich auch der Universalkünstler Wilson im Gleichmaß verlieren. In der Kunst des Vexierbildes bleibt er unübertroffen. Wenn Otello, im dritten Akt, von seinen zertrümmerten Triumphen singt, spiegelt sich das in den Bruchstücken der szenischen Elemente auf dem, wie so oft, blauen Hintergrund wider: Was ehedem zusammenpasste, findet nicht mehr zusammen. So wie Otello und Desdemona. Stärkstes Bild ist zweifelsohne das letzte. Desdemonas Gemach, begrenzt von einem unaufhörlich leicht flatternden Vorhang, ein schmales, weißes Portal, ein scheinbar freischwebendes ebenso weißes Brett als Hausaltar, ein Bett, das nichts anderes ist als eine Bahre: ein ganzer Akt als Sterbeszene – nicht anders hat Verdi es komponiert.

Die Interaktion findet in den Köpfen der Zuschauer statt

In unserer von medialer Bilderverschmutzung geplagten Zeit kann diese minimalistische Sprache wohltuend wirken. So gesehen ist Wilsons Theater mehr Therapie als Inszenierung. Dass er die in ihren viktorianischen Kostümen (Jacques Reynaud, David Boni) ohnedies erstarrten Figuren meist wie Puppen auf einer unsichtbaren Schiene bewegt, ist ebenso traditioneller Bestandteil dieser Therapie. Die Interaktion findet in den Köpfen der Zuschauer statt. Und natürlich in der Musik.

Und auch sie scheint sich der veränderten Wilson’schen Zeitwahrnehmung anzupassen. Dirigent Zubin Mehta hatte schon im Vorfeld der Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker verkündet, "Otello" dürfe nicht grell klingen. In der Tat tut er das nicht. Der Sturm zu Beginn zieht in Zeitlupe über die Statik des Geschehens hinweg, so langsam hat man diese Allegro-agitato-Takte wohl selten erlebt. Funktioniert das noch? Ja, aber bedingt. Das Ja gilt den Berliner Philharmonikern, deren solitärer Klang dieser Produktion ein Siegel aufdrückt. Allerdings geschehen am Premierenabend so manche Dinge, die man vielen Orchestern verzeihen würde – diesem nicht. Ein falscher Streichereinsatz im ersten Akt; nicht irgendein, sondern der ganz wichtige Holzbläserakkord beim Liebesduett im selben Akt in falscher Harmonie; und eine unschön intonierte Kontrabasslinie, die Otellos Auftritt im Schlussakt ankündigt.

Sonya Yoncheva besitzt große Gestaltungskunst

Festspiele verlangen nach mehr. Man kann sich auch fragen, ob Stuart Skelton noch ein idealer Otello ist. Mit Blick auf die Höhen, an denen er sehr oft kläglich scheitert, leider nicht. Dem allzu gestählten, intensiv flutenden Heldentenor fehlt überdies die Beweglichkeit für diese so schwere Partie. Sonya Yoncheva wirkt alles in allem überzeugender als Desdemona. Ihr Sopran hat lyrisch-dramatische Masse, ihre Gestaltungskunst (Lied von der Weide, Ave Maria) ist groß, ebenso ihre Technik. Einzig die Jugendlichkeit, die fehlt dieser slawisch timbrierten Stimme. Vladimir Stoyanov delektiert sich vokal an der Inkarnation des Bösen: ein Jago, nicht immer mit der letzten Durchschlagskraft, aber groß in der Nuance.

Die übrige Besetzung, von Francesco Demuros vigilem, naturalistischem Cassio abgesehen, lässt oft genug echtes Festspielniveau vermissen. Federico Sacchis stimmlich ausgesungener Lodovico sei hier als Extrembeispiel genannt. Der einmal mehr gut gestaffelte, klangprächtige Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) und der Kinderchor des Pädagogiums Baden-Baden agieren da weit fruchtbarer. Nicht ganz nachvollziehbar indes, dass ein Gigant des Dirigierpodiums wie Zubin Mehta hier Schwächen in der Koordination zeigt.

Gejubelt wird am Ende trotzdem – außer bei Robert Wilson. Womöglich gilt er dem hochbetuchten Baden-Badener Publikum als zu modern. Ich bin ein Elefant, Madame, würde er wohl mit einem Filmtitel des Regiekollegen Peter Zadek entgegnen. Ein passendes Festspielmotto…

Weitere Aufführungen: 16., 19., 22. April. http://www.festspielhaus.de