10 Jahre alt

Die riesigen Waldkircher Orgelwalzen glätteten früher Illustriertenpapier

Sylvia Sredniawa

Von Sylvia Sredniawa

Di, 04. Mai 2021 um 08:00 Uhr

Waldkirch

Bereits seit zehn Jahren sind sie ein Hingucker am Ortseingang Waldkirch von Süden her: die zwei riesigen Orgelwalzen. Dabei stammen die Walzen eigentlich aus einer Papierfabrik.

Die Orgelwalzen wurden damals kurz vor dem 10. Internationalen Orgelfest aufgestellt. Jede der über 53 Tonnen wiegenden Walzen wurde mit dem Tieflader antransportiert. Später wurden zur Erläuterung der Skulptur noch ein Schild mit der Aufschrift "weltgrößte Orgelwalzen" sowie eine Infotafel aufgestellt, auf der auf Deutsch, Englisch und Französisch über die Walzen informiert wird.

Die zwei Walzen stammten ursprünglich aus der Papierfabrik Stora Enso Karlsruhe (vormals Holtzmann & Cie., Maxau) und dienten dort bis zur Umstrukturierung des Werkes beziehungsweise Teilschließung dem Glätten des Materials für den Druck von Illustrierten. Jede der Walzen ist über 7,7 Meter lang und hat einen Umfang von rund vier Metern. Das Material der Walzen ist finnischer Granit.

Zwei Lieder könnten mit den Walzen gespielt werden

Zu den weltgrößten Orgelwalzen wurden die zwei monströsen Rundkörper durch den Künstler OMI Riesterer und seine Partnerin Barbara Jäger. Das Künstlerpaar ordnete mit Unterstützung zweier Experten vom Deutschen Musikautomatenmuseum im Schloss Bruchsal Edelstahlstifte auf den Walzen an, so dass sie ein Aussehen erhielten wie überdimensionale Musikwalzen aus einer Drehorgel oder einem Orchestrion. Allerdings müsste das passende Instrument dafür entsprechend riesig sein. Würde man einen entsprechenden Orgelkörper haben, in den man die Walzen einlegen könnte, dann wäre es theoretisch möglich, die Lieder "La Paloma" (untere Walze) und "Die Gedanken sind frei" abzuspielen. Mit dieser Idee gewann Riesterer 2008 einen Skulpturenwettbewerb der Stadt Karlsruhe.

Die Stiftwalzen sind Datenspeichersysteme. In mechanischen Musikinstrumenten heben die Stifte beim Drehen Hebel an, welche die Ventilklappe einer Orgelpfeife öffnen. Für kurze Töne benutzt man einzelne Stifte, für längere unterschiedlich lange Klammern. Oft waren auf einer Orgelwalze die Stifte für mehrere Lieder angeordnet, die jeweils passenden Stifte wurden durch eine Querverschiebung der Walze im Instrument angesteuert. Die Länge der Melodie ist abhängig vom Umfang der Walze. Um etwa 1900 wurde die Stiftwalze in den meisten mechanischen Musikinstrumenten durch Lochstreifen in Form von gelochten Papierrollen oder gefalteten Kartonnoten ersetzt. Diese ermöglichten nun das Spielen von viel mehr Titeln auf einem Gerät. Nach Waldkirch kamen die Lochkarten mit der französischen Orgelfirma Gavioli, die hier 1896 eine Zweigniederlassung errichtete. Das neue, kostengünstige Notenbandsystem sicherte die Konkurrenzfähigkeit Waldkircher Orgeln auf dem Weltmarkt.

Die Walzen standen zuerst in Karlsruhe

Doch zurück zu den weltgrößten Orgelwalzen: Die zwei überdimensionalen Orgelwalzen standen zunächst in der Gottesaue, im sogenannten Oststadtkreisel, in Karlsruhe. Nach Waldkirch kamen sie, weil nach dem Ende des Kunstwettbewerbs in Karlsruhe ein neuer Platz gesucht wurde. Auch Bruchsal war im Gespräch, schied aber wegen Platzmangel aus. Der frühere Waldkircher Oberbürgermeister Richard Leibinger bot Riesterer den Standort nahe der Freiburger Straße in Waldkirch an. Hier stehen sie nun seit zehn Jahren als Symbol für die reiche Geschichte des Orgelbaus in Waldkirch, der hier kurz vor Ende des 18. Jahrhunderts mit Mathias Martin und Ignaz Blasius Bruder begann.