Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wirkt

Die Strafzinsen für Sparer kommen

Helmut Seller und Jörg Buteweg

Von Helmut Seller & Jörg Buteweg

Fr, 08. November 2019 um 19:44 Uhr

Wirtschaft

Zwei Volksbanken in Südbaden gehen voran, andere Institute warten noch ab. Verbraucherschützer rät zum Wechsel.

Bei den Banken bröckelt ein Tabu. Die ersten Institute verlangen von Privatkunden Strafzinsen auf Einlagen. Zu ihnen gehören die Volksbank in der Ortenau und die Volksbank Freiburg. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg rät Kunden, im Zweifel zu einer Bank zu wechseln, die ihre Kunden nicht mit derartigen Gebühren belastet.

Für ihre rund 7000 Firmenkunden hat die Volksbank in der Ortenau schon vor zwei Jahren Negativzinsen eingeführt. Zum Jahreswechsel werden über verschiedene Stellschrauben auch die rund 117 000 Privatkunden stärker zur Kasse gebeten. Die Anhebung sei unumgänglich. "Die Situation hat sich so zugespitzt, dass auch wir gezwungen sind, Verwahrentgelte für Privatkunden aufzurufen und unsere Preise für Girokonten zu überdenken", heißt es auf Anfrage der Badischen Zeitung. Die Mitglieder erfahren das in diesen Tagen in Versammlungen von Clemens Fritz, der im Vorstand für den Privatkundenmarkt zuständig ist.

Konkret heißt das: Pro Girokonto sind nur noch 25 000 Euro frei. Für jeweils volle 5000 Euro darüber hinaus erhebt die Bank monatlich zwei Euro "Verwahrentgeltanteil". Liegen also 50 000 Euro auf dem Girokonto, sind monatlich zehn Euro zusätzlich zu den Kontoführungsgebühren fällig. Auch diese steigen spürbar an – quer über die Fülle an verschiedenen Kontomodellen um bis zu 48 Euro jährlich zusätzlich. Das Basis-Konto kostet ab Januar 2020 mit 106,80 jährlich 36 Euro mehr, für die günstigste Kreditkarte werden fünf Euro mehr verlangt, und wer monatlich den bislang kostenlosen Kontoauszugsdrucker bedient, wird künftig mit 2,50 Euro zur Kasse gebeten. Wer dem Verwahrentgelt entgehen möchte, den verweist die Bank auf ein Tagesgeldkonto, bei dem Einlagen bis 100 000 Euro frei sind. Lediglich etwa ein Prozent der Kunden komme über den insgesamt möglichen Freibetrag von 125 000 Euro.

Auch die Volksbank Freiburg wird ihre Kunden stärker zur Kasse bitten. "Die EZB lässt uns durch ihre massive Geldpolitik keine andere Wahl, als die Freibeträge für Firmenkunden und Privatkunden zu reduzieren", heißt es auf Anfrage der Badischen Zeitung. Ab welcher Summe Gebühren fällig werden, sagt die Bank nicht. Es würden noch letzte Details geklärt, heißt es. Kunden mit nennenswerten Beträgen auf den Konten werden aber offensichtlich bereits angesprochen. "Bei uns sind keine Preiserhöhungen bei den Kontomodellen geplant", sagt hingegen Susanne Hauser, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Volksbank Lahr. Auch Verwahrentgelte oder Negativzinsen für Privatkunden seien "zum jetzigen Zeitpunkt kein Thema".

Das klingt bei der Sparkasse Offenburg/Ortenau, deren Geschäftsgebiet von Achern bis Rust reicht, anders. Höhere Kontogebühren sind zwar nicht geplant. "Aber im Privatkundenbereich sind Negativzinsen auf Sicht auch bei uns unumgänglich", sagt Uwe Dohle, Bereichsleiter Kommunikation. "Konkrete Beschlüsse hierzu gibt es aber noch nicht." Bei Firmenkunden und Kommunen würden ab einem Einlagevolumen von 500 000 Euro Negativzinsen von derzeit 0,5 Prozent erhoben.

Die Sparkasse Hochrhein in Waldshut belastet Kunden, auf deren Konten mehr als eine Million Euro liegen, mit 0,5 Prozent. Die Volksbank Dreiländereck in Lörrach verlangt ab derselben Summe 0,4 Prozent Strafzins. Es sei nicht geplant, diese Grenze niedriger zu ziehen, sagt Vorstandschef Günther Heck. Für Normalverbraucher ist das eine schwindelerregende Summe. Laut einer Studie der Deutschen Bundesbank aus dem Jahr 2017 haben die Bundesbürger im Durchschnitt 4300 Euro auf dem Girokonto, bei den Sparguthaben sind es 29 400 Euro.

Zu Verwahrentgelten oder Strafzinsen befragt, sagt Vorstandschef Marcel Thimm von der Sparkasse Freiburg: "Das ist derzeit nicht geplant." Er sagt aber auch: "Es ist denkbar, dass sich das ändert, wenn wir mit Geldern geflutet werden." Jürgen Schmid vom Sparkassenverband Baden-Württemberg berichtet von zwei oder drei Sparkassen, die mit Strafzinsen oder Gebühren versucht hätten, neue Kunden abzuschrecken.

Begründet werden die Belastungen der Kunden mit der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Sie hat im September beschlossen, ihre Strafzinsen für Geld, das die Geschäftsbanken bei ihr parken, von 0,4 auf 0,5 Prozent zu erhöhen. Das belastet die Institute, die mehr Spareinlagen haben, als sie an Krediten vergeben – und das gilt für fast alle Volksbanken und Sparkassen.

Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg empfiehlt Bankkunden, ihre Zustimmung zu solchen Belastungen zu verweigern."Es gibt ja genug Institute, die keine Strafzinsen oder Verwahrentgelte verlangen." Nicht zulässig sei es, zusätzlich Gebühren oder Zinsen zu verlangen, wenn ein Girokonto bereits gebührenpflichtig ist. "Eine Doppelbepreisung darf es nicht geben, das hat der Bundesgerichtshof mehrfach entschieden", so der Verbraucherschützer.