Die Unschuld unterm Bollenhut

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 15. Mai 2010

Südwest

Heimat zwischen Harmonie und Ideologie: Das "Schwarzwaldmädel" und seine Geschichte.

Da hatte der stramm völkisch denkende Rezensent der Nordbayerischen Zeitung 1933 über Komponist und Stück wohl nicht ganz sorgfältig recherchiert, als er von einer "Volksoperette des durchaus vaterländischen Komponisten" schrieb: "An wirklich köstlicher Walzermelodik nach Wiener Art, unbeeinflusst von Jazz und Niggerrhythmik, ist kein Mangel". In dieses Lied stimmten wohl nicht wenige "Volksgenossen" zu diesem Zeitpunkt ein. Wirkt die Musik aus "Schwarzwaldmädel", uraufgeführt 1917 an der Komischen Oper Berlin, doch, wie der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling schreibt, schon vom ersten Takt an "vertraut, zitiert... bekannte Modelle und Ausdruckscharaktere". Eine musikalische Steilvorlage für die NS-Blut-und-Boden-Ideologen, die sich so vehement gegen die "rassische Überfremdung und Verbastardisierung im Musikleben des deutschen Volkes" (Rudolf Sonner 1938 in der Zeitschrift "Die Musik") wandten. Da konnte man im Übereifer schon übersehen, dass ausgerechnet der Komponist einer offenbar solch ideologienahen Musik wie der Operette "Schwarzwaldmädel" selbst ein "Überfremdeter" war: Léon Jessel – der "Volljude".
Und so stand "Schwarzwaldmädel" noch bis 1937 auf den Spielplänen der Bühnen des Dritten Reichs; aus den Jahren 1933/34 allein sind Aufführungen an den Theatern der Region Freiburg, Mannheim und Heidelberg verbrieft. Und die NS-Kulturgemeinde im nahen Schwenningen kündigte noch 1935 Aufführungen des "Schwarzwaldmädels" an. Im gleichen Jahr soll sich Hitler selbst zum Nürnberger Reichsparteitag eine Aufführung ...

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