Die Warnungen gab es schon vor vier Jahrzehnten

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Mi, 17. Juli 2019

Literatur & Vorträge

BUCH IN DER DISKUSSION:Nathaniel Rich erzählt, wie seit 1979 Maßnahmen gegen den Klimawandel verschleppt wurden.

Der erste Satz bringt die ganze Ungeheuerlichkeit auf den Punkt: "Fast alles, was wir über die Erderwärmung wissen, war bereits 1979 bekannt." Da zuckt nicht nur der freitags für den Klimaschutz demonstrierende Schüler zusammen. Bitte, was? Wir wissen seit vierzig Jahren, was Sache ist, und stehen heute da, wo wir nun mal stehen?

Eine Erderwärmung von drei Grad Celsius halten Experten weltweit für sehr wahrscheinlich. In der Folge werden in der Antarktis Wälder wachsen, Küstenstädte im ansteigenden Meer versinken und Hunderttausende Menschen verhungern. In diesem Dilemma, behauptet der US-Journalist und Autor Nathaniel Rich, würden wir heute nicht stecken, hätten wir die Chance genutzt und wären das Problem längst angegangen.

"Denn in dem Jahrzehnt zwischen 1979 und 1989 bot sich reichlich Gelegenheit. Die Großmächte waren nur noch wenige Unterschriften von einem bindenden Rahmenvertrag entfernt, mit dem die CO2-Emissionen verringert werden sollten – so nah wie seitdem nie mehr."

Richs Buch "Losing Earth" ist eine historische Reportage. Der 39-Jährige hat nach eigenen Angaben Dutzende Menschen interviewt. Die so gewonnenen Informationen hat er zu einer faktenbeladenen Geschichte gestrickt, in der sich alles um die Erderwärmung dreht – oder, wie Rich es nennt, um eine der beiden Großmächte, die unsere Zivilisation bedrohen. Die andere sind die Atomwaffen.

Als Stars treten in Richs apokalyptisch angehauchtem und leider konsequent aus US-amerikanischer Perspektive erzähltem Werk Wissenschaftler in Erscheinung, die hartnäckig und sehr konkret vor den Folgen der zu erwartenden Erderwärmung warnten. Rafe Pomerance beispielsweise, von Haus aus Historiker und angesehener Umweltaktivist mit guten Kontakten in den amerikanischen Kongress. Oder James Hansen, Mathematiker und Physiker, der für die atmosphärische Beschaffenheit eines Planeten weitaus mehr Begeisterung aufbringen konnte als für die reparaturbedürftige Decke im heimischen Wohnzimmer. Sie und viele weitere Wissenschaftler wurden nicht müde, Politikern, Ökonomen, skeptischen Kollegen und der Öffentlichkeit zu erklären, dass der Mensch seinen Heimatplaneten in eine zerstörerische Krise stürzt, wenn er im gleichen Stil wie bisher Kohle, Öl und Gas verbrennt.

Ihnen wurde durchaus zugehört, man war sich einig, dass dringend gehandelt werden muss. Doch dann, so erzählt es Rich, waren es immer wieder Lobbyisten, die entscheidende Durchbrüche verhinderten. Die Kohle- und die Ölindustrie zogen sich zurück, sobald es darum ging, praktische – und wirtschaftlich vermutlich schmerzhafte – Konsequenzen aus den Berechnungen der Wissenschaftler zu ziehen.

Dabei hatte die Industrie bereits selbst gerechnet, mit dem gleichen Ergebnis. Sogar eine CO2-Steuer war vor drei Jahrzehnten schon Thema. Doch die Vorreiterrolle, welche die Energieindustrie hätte einnehmen können, wurde von Skeptikern des Klimawandels abgelehnt. Sie zweifelten an der Ernsthaftigkeit des Problems, weil die Prognosen der Experten nicht präzise genug waren: Erwärmt sich die Erde um drei oder um fünf Grad? Wird dies in 50 oder in 75 Jahren geschehen?

Es ist vielleicht etwas kurz gedacht, die Klimakonferenz 1989 im niederländischen Noordwijk als dramatischen, weil verpassten Wendepunkt im Kampf gegen die Erderwärmung zu inszenieren, wie Rich es tut. Auch greift es zu kurz, mit John Sununu, Stabschef von US-Präsident Bush senior, einem einzigen Akteur quasi die ganze Schuld in die Schuhe zu schieben, dass Vereinbarungen geplatzt sind. Doch diese dramaturgischen Vereinfachungen sollten nicht von dem ablenken, was da über ein Jahrzehnt hinweg passiert ist: Die Menschheit hat es nicht geschafft, angesichts einer klaren Bedrohung gemeinsam eine Entscheidung und präventive Maßnahmen zu treffen.

Sicher, seither ist nicht nichts passiert. Das räumt auch Rich im Nachwort ein. Doch trotz verbesserter Berechnungen und Simulationen, trotz des Klimaabkommens von Paris, trotz des massiv gewachsenen Bewusstseins über die Folgen der Erderwärmung, trotz neuer Lösungsansätze torkeln wir Rich zufolge auf den klimatischen Abgrund zu, der das Leben auf der Erde unerträglich macht. Rich sieht nur einen Hoffnungsschimmer: Dass "die Ängste der Jungen die Oberhand gewinnen über die Älteren." Und die Jungen genug Macht aufbauen, um zu handeln.