Die Welt will belogen sein

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 29. Juni 2020

Literatur & Vorträge

Vitaminspritze für den Schelmenroman: Benjamin Quaderers brillantes literarisches Debüt "Für immer die Alpen".

Vielleicht lag es ja an der Geburtsstunde. "Kalt..., ungemütlich und trist" sei es gewesen in jener Nacht des 31. März 1965, in der der Protagonist des Buches das schwache Licht der Welt bzw. des Kreißsaals im Landesspital in Vaduz erblickte. "Ein typischer Widder", wie die Hebamme bemerkt. Womit sie wohl meint, dass der Junge viel Energie darauf verwenden wird, "Besitz anzuhäufen". Aufgrund der besonderen Sternenkonstellation, versteht sich. Damit ist auf den ersten Seiten dieses Buches schon eine ganze Menge angedeutet und gesagt – und letztlich doch gar nichts.

Denn Benjamin Quaderer wird seine Leserinnen und Leser in seinem Romandebüt "Für immer die Alpen" immer wieder von Neuem zu überraschen wissen. Inhaltlich, formal, stilistisch. Was für ein literarischer Aufschlag! Als habe sich der Autor aus dem vorarlbergischen Feldkirch, Jahrgang 1989, aufgemacht, der etwas aus der Mode gekommenen Gattung des Picaro- oder Schelmenromans eine Vitaminspritze zu geben.

Wobei er das wichtigste Prinzip dieser literarischen Gattung, entstanden im spanischen Barock, wahrhaft schelmisch fortführt: die autobiografischen Züge. Johann Kaiser, der "Besitzanhäufer", berichtet selbst aus seinem Leben. Nun ja, weitgehend. Im "Zwölften Buch" seiner "Memoiren" darf der Leser wählen zwischen seiner Perspektive, jeweils auf den rechten Buchseiten, und der eines auktorialen Erzählers, jeweils links und rot geschrieben – in zeitlicher Parallelität. Es ist nicht die einzige experimentelle Finte im Erzählstrang. Zuvor und auch später finden sich Passagen mit seitenlangen Schwärzungen, in denen man sich die Hintergründe zusammenreimen darf. Der Held, der Schelm ist schließlich eine Person, an der sich bis in höchste Staatskreise Interesse regt. Stichwort Whistleblower. Oder ist es Verrat, die Daten von Steuerhinterziehern, die ihr Geld dem liechtensteinischen Bankgeheimnis anvertraut haben, dem deutschen Fiskus zu übergeben – vulgo: zu verkaufen?

Darum geht es in Quaderers knapp 600 Seiten starkem Buch – um eine Causa aus den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts, an die sich so mancher Vertreter des deutschen Mittelstands nur mit Unbehagen erinnern wird. Und erst recht die Liechtensteinische Landesbank, die 2005 mit gestohlenen Kontobelegen erpresst wurde und in der Folge den Steueroasenstatus verlor. Realiter sollen es vier Erpresser gewesen sein – bei Quaderer ist es nur einer: Johann Kaiser. Was den kriminellen Hintergrund anlangt: Quaderers Picaro ist ein Hochstapler, der auch schon mal etwas mitgehen lässt – und sei es das Moped seines Quasi-Jugendfreundes Gian-Andrin. Aber eigentlich nur als Fluchtmittel. Johanns Handeln basiert vor allem auf dem Wunsch, auszubrechen aus einer Familie, die keine ist. Und aus dem Kleinstaat, der im Grunde auch kein richtiger ist.

Aber gerade der ist das Kontinuum in seinem Leben oder noch besser: Die Alpen sind es, denen er nicht entweichen kann. Da ist der Bergsteiger Heinrich Harrer, den er durch Zufall kennenlernt, der sein Mentor sein wird und ihm einen Platz im spanischen Nobelinternat bezahlen wird. Und da ist ihre Durchlaucht, die Fürstin, die ihm ebenso zufällig begegnen wird und ihn in ihr Herz schließt. Viele Zufälle machen indes noch keine Karriere. Johann Kaiser bastelt an ihr mit allen Tricks. Zum Beispiel an der falschen Identität, die er sich in Barcelona zulegt. Aus Kaiser wird Hilti – ein Spross aus der weltberühmten Werkzeugfabrikantendynastie. Und weil die Welt belogen sein will, funktioniert das auch lange mit dem Bohren dünner Bretter. Bis die Gelinkten zurückschlagen und sich der falsche Hilti in Südamerika plötzlich selbst entführt sieht und um sein Leben bangen muss. Aber danach fängt die Geschichte erst so richtig an...

Benjamin Quaderers Debüt ist von erfrischender, spielerischer Leichtigkeit, hochkomplex und dabei doch unkompliziert und nicht verkünstelt in der sprachlichen Darstellung. Dass er seinen Roman mit Fußnoten versieht, die oft mehr Raum einnehmen als der Haupttext auf der Seite, ist das schelmische Aperçu eines Autors, der, seinem Helden gleich, um eines nie verlegen ist: fortwährende Originalität. Oder wie es der Ich-Erzähler am Ende gegenüber seinen Lesern formuliert: "Trotzdem möchte ich Sie noch einmal daran erinnern, dass es mich nur so lange gibt, wie Sie von mir erzählen." Er muss sich keine Sorgen machen.

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen. Roman. Luchterhand Verlag, München 2020. 592 Seiten, 22 Euro.