Sachbuch

Die Wiederentdeckung der DDR-Kultur ist eine Geschichte schreibender Frauen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 17. November 2020 um 20:11 Uhr

Literatur & Vorträge

Der Journalist und Autor Marko Martin unternimmt in seinem neuen Buch einen Streifzug durch die Kultur der untergegangenen DDR. Dabei entdeckt er vor allem schreibende Frauen.

Man könnte meinen, die Geschichte der DDR ließe sich auch anhand ihrer Kultur erzählen. Und man könnte meinen, dass Marko Martin, Jahrgang 1970, genau das in seinem Buch "Die verdrängte Zeit" versuchte. Im Alter von knapp 20 tritt er szenisch in seinen eigenen Text ein, es ist August 1990, Ostberlin, ein Haus an der Friedrichstraße, die Räume des DDR-Schriftstellerverbands, in denen kisten- um nicht zu sagen tonnenweise Bücher aus dem verbleichenden zweiten deutschen Staat entsorgt werden.

Dieses Entsorgen der eigenen kulturellen Vergangenheit will Marko Martin, der kurz vor der Wende als Kriegsdienstverweigerer mit Hochschulverbot belegt und in die BRD umgesiedelt war und heute als Journalist und Schriftsteller arbeitet, quasi rückgängig machen. Aber nicht so, dass ein umrissscharfes Bild entstände, das Wiederaufstehen einer verschütteten Ostkultur.

Sehr viel Projektion und Klischee

Die Bilder eines Landes, schreibt er, könnten "eigentlich immer nur Fragmente sein". Also schlägt der Autor keine Schneisen in einen Dschungel, sondern betritt ihn. Mutig. Und mit Neugier, der Tugend des Entdeckers. Das Mäandern ist seine Gangart – und seine Leser aufgerufen, ihm zu folgen, was nicht immer ganz einfach ist. Es geht darum, "übereinanderliegende Schichten und Verästelungen, zerstörte oder bewahrte Kontinuitäten" freizulegen – um zu dokumentieren, dass es den Osten "in dieser Eindeutigkeit doch niemals gab".

Dieses Vorhaben ist Martin geglückt. Den Osten gab es genauso wenig wie den Westen – da ist zwischen den beiden deutschen Teilstaaten, wie man heute wieder sagen kann, sehr viel an Projektion und Klischeebildern unterwegs gewesen. Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung mag es Zeit für eine differenziertere Perspektive sein. Das heißt, auf die Kulturgeschichte der DDR bezogen: Sie bestand nicht nur aus Dissidenten und "Rübergemachten", auch wenn es spätestens 1977 nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann, dem kulturpolitischen Sündenfall des SED-Regimes, von dem es sich nie wieder erholen sollte, so zu sein schien.

Eine Fülle an Namen

Paradigmatisch zeigt das Martin an dem Kapitel über die Autorinnen der DDR ("Frauenbild, fast ohne Gruppe"). Man kennt natürlich die Übermutter Christa Wolf, der es gelungen ist, im Arbeiter- und Bauernstaat zu bleiben und trotzdem im Westen zu publizieren, bis 1989 der SED anzugehören und sich trotzdem immer wieder kritisch mit dem Machtapparat auseinanderzusetzen. Man kennt auch Sarah Kirsch, ihre Freundin und Briefpartnerin, die 1977 von der DDR die Schnauze voll hatte, nach Norddeutschland übersiedelte und einen großartigen Gedichtband nach dem anderen publizierte.

Man kennt schon weniger die lebenshungrige, radikal ehrliche Brigitte Reimann, die nach systemkonformen schriftstellerischen Anfängen in ihrem 1974 postum erschienenen Roman "Franziska Linkerhand" mit subjektiven Erzählweisen experimentierte und nur 39 Jahre alt wurde. Und man kennt vermutlich nicht mehr Irmtraud Morgner, die sich mit ihrem ebenfalls 1974 in der DDR (1976 in der BRD) herausgekommenen Roman "Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura" einen riesigen Erfolg erzielte, von ihrem eigenen Ehemann bespitzelt wurde und, einst als begabteste Prosaautorin der DDR gefeiert, ziemlich sang- und klanglos 1990 starb. Und man hat noch nie bewusst zur Kenntnis genommen, dass Inge Müller, die Ehefrau des großen Heiner, eine begabte Dichterin war, die sich aus dem Schatten ihres Mannes nie befreien konnte und sich 1966 das Leben nahm.

Immense Kenntnis der DDR-Kultur

Allein dieses Kapitel birgt eine enorme Fülle an Namen – zu nennen wären noch Helga Novak und Helga Schubert, die in diesem Jahr das Kunststück vollbracht hat, als älteste Bachmann-Preisträgerin aller Zeiten in die Geschichte einzugehen – und an Episoden. Martin macht genau das, was er angekündigt hat: Er schreibt nicht wie ein Sachbuchautor, sondern subjektiv, episodisch, sprunghaft. Sein Buch zeugt von einer immensen Kenntnis der DDR-Kultur, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf der Literatur liegt (sehr aufschlussreich auch das Kapitel "Vor den Vätern sterben die Söhne – oder auch nicht" nicht nur über Thomas Brasch, sondern auch über Chaim Noll, Joel Agee und Jurek Becker). Theater und Musik kommen so gut wie nicht vor, gestreift wird die Popmusik.

Am längsten noch hält sich Marko Martin bei ikonografischen Filmen auf – der "Legende von Paul und Paula" von 1973 nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf, dem Verfasser des Kultstücks "Die Leiden des jungen W.", mit drei Millionen Zuschauern einer der erfolgreichsten DDR-Kinofilme, und "Solo Sunny", dem DDR-Kinohit des Jahres 1980, mit der unvergessenen Renate Krößner in der Hauptrolle.

Dafür schlägt Martin sehr ehrenwert für die im guten Sinn fortschrittliche Abenteuerliteratur für Kinder und Jugendliche eine Bresche ("Der serbische Indianer und andere Glücksmomente"). Hier scheint zweifellos auch die eigene Leseerfahrung durch.Solche Kartierungen sind für Leser mit Westbiographie komplettes Neuland. Und sie sind sehr anregende Einladungen, ein unbekanntes Literaturland noch einmal neu zu vermessen. Am besten durch eigene Lektüre.
Marko Martin: Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens. Tropen Verlag, Berlin 2020. 426 Seiten, 24 Euro.