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Tradition

Diese junge Deutsche mischt Spaniens Stierkampfszene auf

  • Emilio Rappold (dpa)

  • Fr, 07. Januar 2022, 21:06 Uhr
    Panorama

     

Sie lebt davon, bis zu 600 Kilo schweren Bullen die Stirn zu bieten: Clara Kreutter ist die erste deutsche Profi-Stierkämpferin. In Spanien und Portugal sorgt sie für Furore.

Die Stierkämpferin Clara Kreutter beim Training Foto: Privat (dpa)
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Als Clara Kreutter in Spanien ihren Einstand feierte, gerieten Zuschauer und Medien vor Ort in Verzückung. "Historisches Debüt", titelte etwa die Zeitung "El Mundo". Die Deutsche ist 29 Jahre alt und verdient ihren Lebensunterhalt damit, gegen bis zu 600 Kilogramm schwere Bullen zu kämpfen. Kreutter ist Rejoneadora, eine Stierkämpferin zu Pferd. In Portugal und Spanien sorgt sie für Furore. Daheim erhält sie dagegen Anzeigen und Drohungen.

Das Debüt, mit dem sich die aus Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen stammende Frau "einen Traum" erfüllte, war im vergangenen August. Seitdem ruht sie sich nicht auf dem Erreichten aus. Sie blieb über Weihnachten und Silvester in Portugal, um das Training in ihrer Wahlheimat Santarem 90 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Lissabon nicht zu unterbrechen. "Ich trainiere sieben Tage die Woche und das ganze Jahr über", erzählte sie. Freie Tage oder Urlaub gebe es nicht. "Höchstens, wenn die Pferde einen Tag Pause haben, und wir auf einen Stierkampf zum Zuschauen fahren."

Der Countdown läuft. Die erste Corrida der Saison ist in Spanien schon Ende Februar. 2022 sind 40 bis 50 Auftritte vorgesehen. Stierkampf zu Pferd ist traditionell in Portugal zu Hause, aber auch in vielen Regionen Spaniens sehr beliebt.

Die Frau, die mit sechs Jahren zu reiten anfing, widmet sich seit 2017 in Portugal unter Trainer Jorge de Almeida voll und ganz ihrer Leidenschaft. "Zum Leidwesen meiner Eltern, die sich immer gewünscht hatten, dass ich eine künstlerische Laufbahn einschlage", verrät die Enkelin des Bildhauers Wolfgang Kreutter.

Nach ihrem Einstand, bei dem sie zwei Stiere bezwang, wurde sie von begeisterten Fans auf die Schultern genommen und jubelnd aus der Arena in Ledana 250 Kilometer südöstlich von Madrid getragen. Das Blatt El Heraldo sprach von einem "nie da gewesenen Ereignis", El Mundo bescheinigte der unerfahrenen Debütantin "eine Menge Mumm" – und glaubt, dass eine Rejoneadora aus Deutschland für die "internationale Projektion sehr gut sein kann".

Daheim in Deutschland fielen die Reaktionen aber weniger positiv aus. Die Tierschutzorganisation Peta erstattete Strafanzeige "wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz". Tierquälerei könne nach deutschem Recht mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden, so Peta. Im Netz brach ein Sturm der Entrüstung über Kreutter herein. Sie sagt dazu: "Ich frage mich, wie tierlieb jemand ist, der Menschen die schlimmsten Gewalt- und Morddrohungen macht."

Sie verstehe es ja, dass es im Norden Europas keine Corrida-Tradition gebe und respektiere es, wenn jemand Stierkampf nicht möge. "Allerdings akzeptiere ich keine Kritik von jemandem, der keine Ahnung hat, wovon er redet. Der nicht einmal weiß, wie ein Stierkampf abläuft, welche Symbolik er hat, welche Regeln es gibt, und was der Stier den Menschen bedeutet." Den Kritikern hält sie vor: "Wie rechtfertigen sie ihren Fleischkonsum? Woher kommt das Fleisch? Die für den Kampf gezüchteten Stiere wachsen draußen vier, fünf Jahre halbwild auf." Man müsse sich "mit fremden Traditionen und Kulturen wirklich beschäftigen, anstatt sie nur zu konsumieren", sagt Kreutter. "Die Menschen kennenlernen, die dafür leben." In ihrem Freundeskreis und im Familienumfeld seien auch nicht alle pro Stierkampf, erzählt sie. Aber immerhin: "Sie respektieren alle meinen Weg und ich ihren."

In Spanien sinkt die Beliebtheit des umstrittenen Brauchtums seit Jahren – vor allem bei Jüngeren. Es hat aber immer noch viele und mächtige Befürworter: Politiker, Künstler, Unternehmer und auch König Felipe VI. Branchenstars wie Cayetano Rivera (44) und El Juli (39) gelten als Frauenlieblinge und "Vorbild"-Spanier. Nachdem Dutzende Gemeinden und Regionen im Land Stierkampf-Verbote verabschiedet hatten, urteilte das Verfassungsgericht 2016, nur der Staat könne über eine Abschaffung entscheiden – weil der Stierkampf 2013 zum nationalen Kulturgut erklärt worden sei.

Stierkampf ist nicht nur Tradition, sondern auch Geschäft: Nach Schätzungen bewegt der Sektor vier Milliarden Euro jährlich. An ihm hängen 54 000 Jobs direkt. Auch Clara Kreutter lebt vom Stierkampf, aber sie sagt, sie denke nicht prioritär ans Geschäft. Wenn sie ihre Leidenschaft erklärt, klingt sie philosophisch. "Ist ein Stier lahm oder greift er nicht an, ist der Kampf automatisch beendet. Einen Stier, der nicht angreift, darf man nicht bekämpfen. Dementsprechend stellt der Stierkampf für mich symbolisch auch das Leben dar. Wir alle haben unseren Stier, unsere dunkle und unsere wilde Seite in uns."

Ressort: Panorama

  • Artikel im Layout der gedruckten BZ vom Sa, 08. Januar 2022: PDF-Version herunterladen

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