"Diese Verbrechen sind widerlich"

André Stahl

Von André Stahl (dpa)

Mo, 25. März 2019

Wirtschaft

Deutschlands zweitreichste Familie, die Reimanns, lässt die Nazi-Vergangenheit ihrer Firma und ihrer Vorfahren untersuchen.

BERLIN/MANNHEIM. Die Unternehmer-Dynastie Reimann gilt als eine der reichsten Familien Deutschlands. Mit ihren zahlreichen Firmenbeteiligungen steht sie hinter weltbekannten Marken. Fast 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs stellt sich die Reimann-Familie mit ihrer global agierenden JAB Holding nun ihrer Nazi-Vergangenheit.

Nach Recherchen der Bild am Sonntag soll es in den Werken und der Privatvilla der Firmen-Patriarchen Albert Reimann sen. und Albert Reimann jun. in Ludwigshafen während der NS-Zeit zu Gewalt und Missbrauch an Zwangsarbeitern gekommen sein. Auch sollen die beiden Unternehmer überzeugte Nationalsozialisten und Antisemiten gewesen sein, die vom Zweiten Weltkrieg erheblich profitiert hätten.

Aus dem Kreis der Reimann-Erben, die nach eigenen Angaben vor drei Jahren einen unabhängigen Historiker mit der vollständigen Aufarbeitung des NS-Kapitels der Firmengeschichte beauftragt hatten, wurden die Angaben bestätigt. "Wir sind erleichtert, dass es jetzt raus ist", hieß es am Sonntag auf Anfrage.

Der Vertraute der Familie und Chef der JAB Holding, Peter Harf, sagte der Bild am Sonntag: "Reimann senior und Reimann junior waren schuldig. Die beiden Unternehmer haben sich vergangen, sie gehörten eigentlich ins Gefängnis."

Der beauftragte Wirtschaftshistoriker Paul Erker von der Uni München habe vor wenigen Wochen vier Reimann-Kindern, einem Reimann-Enkel sowie ihm einen Zwischenstand seiner Recherche präsentiert, sagte Peter Harf, der Chef der JAB Holding. "Als Professor Erker berichtet hat, waren wir sprachlos. Wir haben uns geschämt und waren weiß wie die Wand. Da gibt es nichts zu beschönigen. Diese Verbrechen sind widerlich". Der Unternehmer kündigte an, zehn Millionen Euro an eine passende Organisation spenden zu wollen. Die Ergebnisse der Studie zur NS-Firmengeschichte sollen im nächsten Jahr vorgelegt werden.

Die Ursprünge der Reimann-Dynastie reichen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als Johann Adam Benckiser und Karl Ludwig Reimann in Ludwigshafen eine Chemiefabrik aufbauten. Dadurch hält die Familie noch heute einen Anteil an dem globalen Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser ("Clearasil", "Kukident", "Calgon"). Zum Portfolio gehört auch der US-Kosmetikkonzern Coty (Parfümmarken wie "Calvin Klein" oder "Gucci").

In den vergangenen Jahren hatte die JAB Holding Milliardensummen in Zukäufe im Lebensmittelbereich gesteckt. Auch im Kaffeemarkt mischt die Familie weltweit mit. Mit ihrer JAB Holding kontrolliert sie den Branchenriesen Jacobs Douwe Egberts mit Marken wie "Jacobs", "Tassimo" oder "Senseo". Die Reimann-Familie besaß laut Schätzungen des Manager Magazins 2018 ein Vermögen von rund 33 Milliarden Euro, in der Liste der reichsten Deutschen lagen die Reimanns zuletzt auf Rang zwei.

Bild am Sonntag beruft sich auf bisher unveröffentlichte Dokumente aus mehreren deutschen Archiven. Demnach zeigen Dokumente auch, dass die Reimanns schon 1931 Geld an die SS gespendet hätten. An Heinrich Himmler, der als Reichsführer SS den Holocaust organisierte, habe Albert Junior am 1. Juli 1937 geschrieben: "Wir sind ein über hundertjähriges, rein arisches Familienunternehmen. Die Inhaber sind unbedingte Anhänger der Rassenlehre."

Die Familie gilt als öffentlichkeitsscheu. Wie Konzernchef Harf sagte, ist Anfang 2014 entschieden worden, die Reimann-Geschichte unabhängig aufarbeiten zu lassen.