Beilage "Wir sind Baden"

Das Eierspringen in Eichen bei Schopfheim ist ein uraltes Ritual

Nicolai Ernesto Kapitz

Von Nicolai Ernesto Kapitz

Fr, 19. Juli 2019 um 10:40 Uhr

Schopfheim

An Ostern werden auch in ganz Südbaden Eier versteckt und dann gesammelt. Im Schopfheimer Ortsteil Eichen – im Volksmund "Eiä" – funktioniert das mit den Eiern an Ostern aber ganz anders.

Hier werden sie erst gesammelt, dann verteilt und dann wieder eingesammelt – oder geklaut. Dieses seltene Prozedere beim Eichener Eierspringen am Ostermontag geht auf ein Tausende Jahre altes Fruchtbarkeitsritual zurück, das sich in dem Dörfchen am Dinkelberg erhalten hat. Dieses vorchristliche Relikt, nach Angaben der Organisatoren bis zu 4000 Jahre alt, hat hier in Eichen die Zeit überdauert. Wie genau es mit den christlichen Osterbräuchen zusammenhängt, ist nicht genau erforscht.

Hunderte rohe Eier, viel Sägemehl, pechschwarze Schuhcreme, aufgepumpte Schweineblasen, gute zwei Dutzend junger Männer in schneeweißen Kitteln mit roter Schärpe und bei gutem Wetter bis zu 3000 Zuschauer – das sind die Dinge, die das Eierspringen ausmachen. Und natürlich der Ort: Das Spektakel findet nämlich nicht auf irgendeiner, sondern auf einer ganz bestimmten grünen Wiese statt – mitten im Eichener See. Diese nur hin und wieder nach ausgiebigen Regenfällen mit Wasser gefüllte Senke im Dinkelberg bildet sozusagen die Arena für das Eierspringen.

Die Regeln in Kurzform: Zwischen 20 und 30 unverheiratete, aber konfirmierte junge Eichener bilden in ihren weißen Kitteln die Schar der "Butzimummel". Einer davon hat die Aufgabe, in einem abgesteckten Viereck in der Senke des Eichener Sees um die 700 Eier, die zuvor im Dorf eingesammelt werden, in kleinen Sägemehl-Nestern zu verteilen und später wieder einzusammeln. Gleichzeitig laufen zwei andere der Junggesellen ins benachbarte Kürnberg, um dort eine Flasche Wein zu holen. Schaffen sie es zurück, bevor alle Eier wieder eingesammelt sind, haben die beiden gewonnen – ansonsten siegt der Rest der Butzimummel.

Hier kommen die Zuschauer ins Spiel, die die streng bewachten Eier stehlen können. Schon bald nach dem Start stürzen sich Scharen von Eierdieben auf die fruchtbaren Ovale im Feld, viele mit Erfolg, viele auch schwer durch die Schläge mit den "Saublodere" und Schuhcreme im Gesicht gezeichnet. Damit werden ertappte Eierdiebe nämlich bestraft, und das nicht gerade zimperlich. Eine gute Dreiviertelstunde dauert das Ganze, bis die Läufer aus dem Nachbardorf zurück sind.

Wer hier gewonnen oder verloren hat, interessiert hinterher in der Regel keinen; im Mittelpunkt steht eine gute Gaudi für die Zuschauer wie für die Butzimummel. Es gibt aber auch Kritiker, die den Spaß nicht unbedingt teilen: Weil nicht nur Eierspringer am Grund des Sees Eier ablegen, sondern auch ein urzeitlicher, seltener Krebs, fordern Naturschützer, das Spektakel auf eine beliebige Wiese zu verlegen – bisher allerdings vergeblich.