Interview mit Juristen

"Eigentlich ist Wikipedia eine gute Idee, aber so, wie es gemacht wird, ist es eine Katastrophe"

Michael Heilemann

Von Michael Heilemann

So, 07. März 2021 um 13:36 Uhr

Computer & Medien

Zum 20. Geburtstag der deutschen Wikipedia spricht Jursit Johannes Weberling von Wiki-Watch über undurchsichtige Strukturen und tendenziöse Einträge bei der Online-Enzyklopädie.

"Eigentlich eine gute Idee, aber so wie es ist, eine Katastrophe." Johannes Weberlings Fazit zum 20. Geburtstag von Wikipedia fällt mehr als kritisch aus. Der Jurist leitet die an der Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder) angesiedelte Beobachtungsstelle Wiki-Watch, die 2010 gegründet wurde. Weberling bemängelt vor allem Fehleranfälligkeit und undurchsichtige Strukturen.
BZ: Herr Weberling, warum ist das größte Lexikon der Welt an den Universitäten nicht zitierfähig? Auch viele Lehrer und Lehrerinnen sehen es nicht gerne, wenn Schüler in Referaten auf Wikipedia verweisen.
Weberling: Wikipedia ist ein Zufallsprodukt aus verschiedenen Ansichten. Es ist nirgendwo erkennbar, ob ein Eintrag vollständig ist, ob es sich um PR handelt oder um eine Falschmeldung.
"Hinter dieser Manipulation steckte vermutlich der russische Geheimdienst."

BZ: Es sollen jahrelang Falschmeldungen durch Wikipedia gegeistert sein, ohne dass es irgendjemand aufgefallen wäre.
Weberling: Ein gutes Beispiel ist ein englischsprachiger Beitrag, dass die Nazis auf den Ruinen des Warschauer Ghettos ein Vernichtungslager betrieben hätten, in dem Hunderttausende in die Gaskammern geschickt worden seien. Das entspricht nicht den historischen Tatsachen. Es gab zwar ein Lager in Warschau, aber es war kein Vernichtungslager wie in Treblinka. 15 Jahre lang war das aber in der Wikipedia zu lesen, bevor der Fehler entdeckt und korrigiert wurde. Es steht zu vermuten, dass polnische Nationalisten ihre Finger im Spiel hatten. Oder nehmen Sie die unbewiesene Behauptung, für den Abschuss einer Boeing über der Ukraine (Flug MH 17) 2014 sei die Ukraine selbst verantwortlich. Es stellte sich dann heraus, dass der Abschuss mit einer russischen Rakete erfolgte. Hinter dieser Manipulation steckte vermutlich der russische Geheimdienst.
Zur Person

Johannes Weberling
, 62, arbeitet als Rechtsanwalt in Berlin und ist Historiker und Hochschullehrer in den Bereichen Medienrecht, Arbeitsrecht und Stasi-Unterlagen. Seit 2010 leitet Johannes Weberling die Arbeitsstelle Wiki-Watch an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), die er mit dem Juristen Wolfgang Stock eingerichtet hat.

BZ: Trotz vieler zumindest dubioser Beiträge schauen viele erstmal auf Wikipedia nach, wenn sie sich über etwas schlaumachen wollen.
Weberling: Ich glaube nicht, dass das stimmt. Da hat sich in den letzten Jahren massiv was verändert. Wikipedia gilt längst nicht mehr als die Quelle, die man vielleicht früher mal angeklickt hat. Eigentlich ist Wikipedia eine gute Idee, aber so, wie es gemacht wird, ist es eine Katastrophe. Und es wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Da bin ich etwas pessimistischer als noch vor fünf Jahren.
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BZ: Kann ich denn erkennen, ob ein Eintrag manipuliert ist?
Weberling: Das ist nur begrenzt möglich. Im Prinzip müsste man alles gegenrecherchieren, was aber in der Praxis nicht möglich ist. Wir empfehlen deshalb, das Tool auf unserer Website zu nutzen, das wir 2010 entwickelt haben und ständig aktualisieren. Man gibt einen Begriff in das Suchfeld ein und erhält eine Bewertung des entsprechenden Eintrags mit Sternchen von eines bis fünf.

BZ: Wie arbeitet dieses Tool?
Weberling: Es checkt jeden Eintrag nach bestimmten Kriterien – unter anderem, ob ein Artikel quellenbasiert ist, also einigermaßen valide recherchiert worden ist. Was noch wichtiger ist: Man bekommt einen Blick auf all das, was sich hinter den Kulissen abspielt. Gab es unterschiedliche Textversionen? Ist ein Thema umkämpft, tobt da eine Auseinandersetzung zwischen einzelnen Autoren mit einem ständigen Hin und Her der Versionen und wechselseitigen Löschanträgen? Man erfährt auch, ob sich ein Administrator danebenbenommen oder ein Autor einen Shitstorm losgetreten hat.

BZ: Das schafft eine gesunde Skepsis, aber reinfallen kann man natürlich trotzdem.
Weberling: Klar, das Tool arbeitet rein maschinell, wir können ja nicht jeden Beitrag inhaltlich überprüfen. Wir sind selbst schon einmal einer Fälschung auf den Leim gegangen. Da gab es zum Beispiel den Juxeintrag, dass Stalin ein Badezimmer in der Karl-Marx-Allee in Berlin gehabt haben soll. Dahinter steckte die Berliner Zeitung, die da wohl einen Testballon gestartet hat. Keiner hat die Fälschung bemerkt, auch uns ist sie durchgerutscht. Das Kuriose daran war, dass Wikipedianer gegen Löschanträge protestiert haben, mit der Begründung, der Eintrag sei ja quellenbasiert. Schließlich hat der Autor den Fake selber offenbart.

BZ: Wie sieht es mit dem Paid Content aus? Bezahlte Schreiber verfassen ja in der Regel keine neutralen Beiträge, sondern vertreten Interessen.
Weberling: Gut gemachte PR (Öffentlichkeitsarbeit eines Unternehmens, d. Red.) können Sie nicht erkennen, da hilft die beste Software nichts.

"Die mangelnde Transparenz öffnet auch bezahlter PR in Beiträgen Tür und Tor."

BZ: Offenbar versagen bei Wikipedia die internen Kontrollinstanzen.
Weberling: Das Hauptproblem bei Wikipedia ist die mangelnde Transparenz. Administratoren und Autoren treten nicht unter ihrem realen Namen auf, sondern tragen Nicknames. Das macht es unmöglich, sie zum Beispiel bei Falschaussagen, die auch persönlichkeitsrechtlich relevant sind, vor Gericht zu bringen. Denn Sie wissen ja gar nicht, mit wem Sie es zu tun haben. Die mangelnde Transparenz öffnet auch bezahlter PR in Beiträgen Tür und Tor. Bemühungen von Wikipedia, das abzustellen, liefen ins Leere.

BZ: Wikipedia hätte vielleicht ein paar Probleme weniger, wenn sich mehr ehrenamtliche Autoren gewinnen ließen. Die Zahl der freiwilligen Schreiber geht ja seit Jahren zurück. Es liegt auf der Hand, dass bezahlte Schreiber in diese Lücke stoßen.
Weberling: Ich kenne eine hochqualifizierte Wissenschaftlerin, die ihre Arbeit gerne einem breiteren Publikum zugänglich machen würde. Sie saß mehrere Stunden an einem Beitrag, der die Materie allgemeinverständlich dargelegt hat. Dann kam von einem Administrator kurz und knapp der Bescheid: Ist nicht relevant. Das würgt natürlich jedes Engagement ab. So geht es vielen.
"Es kann passieren, dass man von Besserwissern oder von schrägen Zeitgenossen, die glauben, irgendeine Mission zu haben, beschimpft wird."

BZ: Der Umgangston in der Community soll manchmal sehr rustikal sein.
Weberling: Es kann passieren, dass man von Besserwissern oder von schrägen Zeitgenossen, die glauben, irgendeine Mission zu haben, beschimpft wird. Da wird sich jeder halbwegs vernünftige Mensch sagen, das tue ich mir nicht an. Gerade junge Menschen und insbesondere Frauen schreckt der Ton ab. Die wollen sich nicht anranzen lassen.

BZ: Das hört sich alles so an, als müsste man Wikipedia an Haupt und Gliedern reformieren.
Weberling: Richtig. Transparenz ist das Allerwichtigste, vor allem bei den Administratoren. Denn sie haben die eigentliche Macht bei Wikipedia. Weil sie entscheiden, ob ein Thema Eingang findet oder nicht, und weil sie Autoren mit einer Sperre belegen können. Die Administratoren werden zwar gewählt, aber die Wahl ist undurchsichtig. Es ist nicht gewährleistet, dass sie persönlich, von ihrem Standing her, und vor allem fachlich für diesen Job qualifiziert sind. Da entscheiden Administratoren über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Und faktisch sind diese Posten Erbhöfe. Wer keinen großen Mist baut und sich nicht zum Gespött der Community macht, bleibt ewig Administrator. Das darf nicht sein.

BZ: Sehen Sie denn einen Hebel, das zu ändern?
Weberling: Der Anstoß müsste schon aus den USA kommen. Denn die Wikimedia Foundation, die Organisation hinter Wikipedia, hat dort ihren Hauptsitz.

BZ: Vielleicht sollte Wikipedia Konkurrenz bekommen.
Weberling: Ich kenne eine Reihe von Versuchen, eine Alternative auf die Beine zu stellen, Aber ob die aus dem Knick kommen, weiß ich nicht.

BZ: Wikimedia geht jedes Jahr auf Betteltour und sammelt Spendenmillionen ein. Im vergangenen Jahr waren es in Deutschland 8,7 Millionen Euro. Ist eigentlich klar, wie das Geld verwendet wird?
Weberling: Das ist auch nicht transparent. Tatsache ist, dass die Wikipedia Foundation in den USA ein von Jahr zu Jahr wachsendes Vermögen ansammelt. Es ist in den letzten zehn Jahren im Mittel um 15 Millionen Dollar pro Jahr gewachsen und betrug 2019 stolze 165 Millionen Dollar. Warum Wikipedia so viel Geld braucht, ist nicht klar.

BZ: Auch Google spendet hohe Summen an Wikipedia.
Weberling: Fakt ist, dass beide zur selben Zeit groß geworden sind. Bei der Suchfunktion von Google werden Wikipediabeiträge sehr prominent angezeigt. Davon profitieren beide. Dass es eine Interessenverquickung geben könnte, hat sich auch im vergangenen Jahr gezeigt, als es um die Verschärfung des europäischen Leistungsschutzrechts ging – die das Kerngeschäft von Google getroffen hätte. Bei Wikipedia, das sonst seine Neutralität so betont, blieben aus Protest einen Tag lang die Seiten schwarz. Das ist schon seltsam.