Interview

Marc Friedrich: Ein Crash soll kommen

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 17. November 2019 um 00:00 Uhr

Wirtschaft

Der Sonntag Marc Friedrich hat mit Krisenbüchern enorme Erfolge – rührt aber sehr viel zusammen

Mit Büchern wie "Der größte Raubzug der Geschichte" und dem gerade erschienenen "Größten Crash aller Zeiten" und knalligen Thesen stürmt der Anlageberater Marc Friedrich mit seinem Partner Matthias Weik die Bestsellerlisten. Er ist sicher: Für das System gibt es keine Rettung, und das sei gut so.

Herr Friedrich, Sie tragen viel zusammen, um zu beweisen, wie schlimm es um uns steht: von Niedrigzinsen über Mietpreise, Medien, Rechtsstaat, Rundfunkgebühren, Drogenhandel bis zu Harry Weinstein, der Kirche und miesgelaunten Passanten auf der Stuttgarter Königsstraße. Das sollen wir alles auf die Finanzkrise 2008 zurückführen?

Friedrich: Ja, ganz klar. Die Gesellschaft dividiert sich durch unser falsch gestricktes Geld- und Wirtschaftssystem immer mehr auseinander. Das System pervertiert sich immer mehr, Kommunikation findet keine mehr statt, die Sitten verrohen und verwahrlosen. 2008 war ein Wendepunkt: Die Menschen haben das Vertrauen in Institutionen verloren. Die Banken haben uns belogen, denken Sie nur an die Libor-Manipulationen. Und die Politiker haben nicht uns, die Demokratie und unser Erspartes geschützt, sondern die Delinquenten, die Verursacher mit unseren Steuergeldern gerettet und belohnt. Viele Medien haben diese Politik eins zu eins wiedergegeben, das hat die Populisten gestärkt. Denken Sie an das Framingdesaster oder Claas Relotius.

Na ja, unseriöse Schreiber gab es leider schon immer.

Friedrich: Es gibt aber zu viel Meinungsmache im Journalismus, und es ist besser, wenn wir uns kritisch darüber unterhalten, anstatt das den Schreihälsen an den politischen Rändern zu überlassen.

Jedenfalls kommen Sie zum Schluss: Es gibt keine Rettung für das Wirtschaftssystem.

Friedrich: Matthias Weik und ich hatten in unseren vier Büchern Lösungen vorgeschlagen für Notenbanken, Politik und Gesellschaft. Sie wurden alle in den Wind geschlagen, und es gab keine Besserung, obwohl uns auch Politiker sagten, wir hätten mit allem recht. Jetzt müssen wir feststellen, dass es im System keine Rettungsmöglichkeit mehr gibt.

Bringen Sie unsere Erinnerung bitte noch einmal auf Vordermann: Was waren Ihre wichtigsten Lösungsansätze?

Friedrich: Investmentbanken von den ordinären Geschäftsbanken trennen, um Spareinlagen nicht in Gefahr zu bringen. Eine Finanzaktionssteuer, um Derivat- und Hochfrequenzhandel zu zähmen. Dann brauchen wir mehr direkte Demokratie wie in der Schweiz, um populistischen Parteien den Nährboden wegzunehmen. Einen Schuldenschnitt für Südeuropa. Eine EZB-Politik, die den Menschen dient. Die Rückabwicklung des Euros. Es gab viele Ideen, das Schiff umzusteuern.

Und nun ist es also zu spät.

Friedrich: Das sagen auch führende Ökonomen. Der Chefvolkswirt der OECD, William White, sagte mir, das Ding ist durch, wir werden einen kompletten Systemumbruch erleben. Es trauen sich nur nicht alle, es so direkt zu sagen wie wir. Wir sind niemandem verpflichtet, keiner Bank und keiner Versicherung.

Sie schreiben sogar: Wir brauchen den totalen Crash. Sie benutzen dafür biologistische Bilder, vom unheilbar kranken Organismus, der absterben müsse, um sich zu erneuern. Das gab es vor dem Ersten Weltkrieg auch. Was soll nach dem nächsten Crash kommen?

Friedrich: Das zeigen wir im Buch auf. Krisen sind ja immer ein Indikator dafür, dass etwas falsch läuft. Und unser System ist unheilbar krank. Die Krisenmerkmale haben sich potenziert, weil man sie jetzt jahrelang künstlich unterdrückt hat durch immer mehr Geld und niedrige Zinsen. Wir glauben, dass die Wucht so enorm wird, dass wir gezwungen werden, radikal neue Wege zu gehen, und wir regelrecht auf eine neue Bewusstseinsstufe katapultiert werden. Wir werden erkennen, was falsch und was richtig war. Die historisch große Krise, vor der wir stehen, ist auch eine historisch große Chance für uns als Menschheit.

Das klingt schon fast etwas religiös. Sie hoffen ja auch auf eine neue Gesellschaft "ohne Gier und Neid". Warum hat man nicht auf Sie gehört?

Friedrich: Es traut sich niemand, die richtigen Schritte zu tun. Wir haben in der Politik einen Fachkräftemangel, da kommt nichts Gutes nach. Frau Merkel hat ja alle Aspiranten weggebissen und nur die Inkompetenten nachgezogen. Wären unsere Politiker in der freien Wirtschaft, müssten sie die Pfandflaschen sammeln, und nicht die Rentner.

Das ist nun aber sehr populistisch. Die da oben – alle doof. Und die Fachebenen wollen Sie durch Maschinen ersetzen, die Gesetze schreiben.

Friedrich: Wir denken fürs Volk, aber das ist nicht gleich populistisch, ich spreche halt Tacheles. Die Fachleute in den Ministerien sagen uns ja selbst, was oben passiere, sei Irrsinn. Das schwächste Glied in der Kette ist immer der Mensch, mit künstlicher Intelligenz könnten wir viele Fehler und Steuerverschwendung vermeiden. Wir hätten die mathematisch belegte Verlässlichkeit eines Algorithmus.

Künstliche Intelligenz ist aber nur so gut wie die, die sie programmieren und verstehen.

Friedrich: An diesem Algorithmus könnten wir alle teilhaben, weil er transparent auf der Blockchain liegt. Wir könnten dann basisdemokratisch bestimmen, wie er entscheidet. Ich glaube wirklich, der Heilungseffekt wird historisch sein und zeigen, dass wir in einer Illusion gelebt haben.

Sie schreiben das im Buch sogar mit Fettdruck: "Das ist so gewollt", indem man uns mit Geräten und anderem ruhigstellt. Das hat etwas von Verschwörungstheorie.

Friedrich: Sagen wir, es ist ein angenehmer Nebeneffekt. Mir hat ein Politiker mal gesagt, dass uninformierte Wähler einfacher zu regieren sind. Aber klar, Brot und Spiele gab es seit dem Römischen Reich, das ist durchaus gewollt. Man will keine Wähler, die über alles Bescheid wissen. Es sagt ja kein Politiker offen, dass der Euro gescheitert, das Sozialsystem nicht mehr bezahlbar und die Rente ein Schneeballsystem ist. Aber so ist es.

Wer würden denn die größten Opfer des größten Crashs?

Friedrich: Die unvorbereitete Masse. Historisch sind 97 bis 99 Prozent der breiten Masse unvorbereitet in Krisen geschlittert und haben zwischen 50 und 100 Prozent verloren. Sparer, Rentner, Mütter, die in das System vertrauten. Die trifft es auch, wenn die zweite große Rezession kommt, die die Eurozone nicht mehr auffangen kann. Ich kenne die Szenarien: Da geht es um 10 bis 30 Billionen Euro, die nötig wären.

Sie sagen, Sie möchten, dass die Menschen vorbereitet sind, um durch den Crash nicht alles zu verlieren. Da ist es praktisch, dass Sie eine Firma für Anlageberatung betreiben, die "Vermögenssicherung" heißt.

Friedrich: Ach, wir hatten schon vor den Büchern genug zu tun, weil eine Honorarberatung, wie wir sie betreiben, das einzig Wahre ist. Wir sind die kommenden zwei Jahre ausgebucht. Aber wenn das nur Wertevehikel wären, würden wir das Wissen ja nicht kostenlos weitergeben, und unsere Investmentmatrix ist Weltklasse, die wurde gerade von Sal Oppenheimer in einem internen Newsletter übernommen. Viele halten uns ja schon für Nestbeschmutzer, weil wir diese ganzen Tipps verraten.

Sie sagen, die Jahre ab 2020 werden Jahre der Sachanlagen. Und prompt haben Sie einen "Wertefonds" aufgelegt, den Sie "einzigartig" nennen. Er investiert in Gold, Silber, Äcker und Forst, hat aber auch Minenaktien im Portfolio. Wie hoch sind die Aktienanteile denn?

Friedrich: Minenaktien liegen bei 22 Prozent, Aktien insgesamt bei 44 Prozent, Unternehmensaktien sind ja auch Sachwerte. Und solange die Notenbanken weiter Geld drucken, geht die Partie an den Aktienmärkten weiter.

Das heißt, Sie reiten die Welle, von der Sie sagen, sie reiße alles in den Abgrund.

Friedrich: So lange die Musik spielt, muss man leider mitmachen. Die Blase wird ja weiter aufgeblasen. Wir erreichen schon wieder neue Höchstwerte, noch mehr, wenn die EZB Aktien kaufen wird.

Aber Sie heizen an, was Sie kritisieren, wenn Sie auf Bodenwerte spekulieren.

Friedrich: Dafür ist der Fonds zu klein. Im Grundsatz gilt wie immer bei Anlagen: Wer streut, rutscht nicht aus. Gold, Silber, Aktien, ETFs, Grund und Boden, Wald, Ackerland, Bitcoins, Whisky – da kann sich jeder etwas Passendes aussuchen. Unsere größte Sorge ist die Altersarmut. Der Deutsche ist ja gezwungen, in Aktien zu investieren und in ETFs. Nun aber kommt der Finanzminister mit seiner Aktiensteuer und bestraft nur wieder den Kleinsparer. Das ist eine Katastrophe. Wir haben noch eine weitere Idee, die eine Art Grundeinkommen bilden könnte: Wenn wir für unsere Daten Geld verlangen bei den großen Internetkonzernen. Sie verdienen Milliarden mit uns, da sollten wir mitverdienen.
Der grösste Crash aller Zeiten Marc Friedrich und Matthias Weik, Eichborn, 20 Euro
Vortrag: Donnerstag, 21. November, 20 Uhr, Universität Freiburg, Audimax im KG II