"Ein Künstler, vor dem nichts sicher ist"

Anne Freyer

Von Anne Freyer

Fr, 08. November 2019

Schallstadt

Ausstellung mit Arbeiten von Bernd Völkle im Käppele in Schallstadt / Neues Werkbuch.

SCHALLSTADT. Als "Künstler, vor dem nichts sicher ist", bezeichnete sich Bernd Völkle einmal selbst. Und in der Tat: Die Fülle der Materialien, der Ein-, Aus-, Durch- und Draufsichten scheint keine Grenzen zu kennen. In irgendeiner Weise mit irgendeinem Stil in Verbindung gebracht zu werden, weist der Ausnahmekünstler weit von sich – und schafft sich damit einen Freiraum, der schier ins Unendliche geht. Mehr als tausend Seiten stark und mit Signatur versehen zeugt dafür ein Werk, das kurz vor Eröffnung der aktuellen Ausstellung im Käppele in Schallstadt aus der Druckerei kam und nun nicht nur zu besichtigen, sondern auch zu erwerben ist.

Der erste Eindruck, es handle sich hier um einen Katalog oder ein Werkverzeichnis, trügt: Es ist ein Bilderbuch, ein "Werkbuch des Sehens", wie es Volker Bauermeister in seiner Einführung zur Ausstellung formulierte. Es gibt viele Publikationen von Arbeiten Völkles, deren einige ebenfalls zur Ansicht ausliegen. In dem dicken "Sehbuch" laufen nun wie in einem Fluss all die Strömungen zusammen, die den Künstler in seinem langen Leben in die verschiedensten Richtungen getragen haben. Und es teilt sich geradezu überwältigend der Eindruck mit, dass man es hier nicht mit einem Schlusspunkt unter ein gigantisches Werk zu tun hat, sondern dass weiterhin alle Möglichkeiten der Wahrnehmung offen stehen.

Die Ausstellung kann naturgemäß nur einen kleinen Einblick in Bernd Völkles Schaffen gewähren, tut dies aber in erstaunlich erhellender Weise. Da gibt es Reihen von Druckgraphiken aus der frühen Zeit, Bilder in konventionelle Rahmen, dazu aber höchst ungewöhnliche Kompositionen aus alltäglichen Gegenständen als Zeugnisse der unbegrenzten Spielfreude. "Dass Kunst gegenüber allem das Andere sei, lässt Bernd Völkle nicht gelten", hat Bauermeister erkannt. Und weiter: "Bilder sind nicht endgültig, solange man sie für lebendig ansieht". Und von lebendigem Interesse ist für Völkle einfach alles, bis hin zur Auseinandersetzung mit einer altchinesischen Legende um das Lo Shu, ein magisches Quadrat aus drei mal drei Quadraten, deren Zahlen sich in jeder Richtung zur selben Quersumme ergänzen – "ein Ja-Wort zur Welt, das er mit dem Lo Shu signiert".

An einer der Wände findet sich, schwarz auf neon-gelbgrün und als Plakat im Miniformat gestaltet, das Robert-Walser-Wort "O wie ich mich gesehnt habe, wenn ich nur wüsste wonach!" Es steht zu vermuten, dass für Völkle dieser melancholische Dichter zu jenen Zeitgenossen gehört, denen er sich brüderlich verbunden fühlt, wie auch etwa Claude Monet oder den Erfindern der Arte povera, die während seiner Zeit als Massimo-Stipendiat in den frühen 60er Jahren in sein Blickfeld traten. Nun wird dies alles im beschaulichen Tannenkirch zusammengetragen, verdichtet und neu interpretiert – man darf gespannt sein ...

Die Ausstellung Bernd Völkle "Bilderbuch und neue Arbeiten" ist bis Sonntag, 15. Dezember, beim Kunstverein Schallstadt, Am Käppele 2, zu sehen; die Öffnungszeiten: Samstag von 15 bis 17 Uhr und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.