Sportklassiker in Südbaden

Ein Leckerbissen für 1152 Fans: Das Derby zwischen dem SV Grafenhausen und dem SC Kappel

Benedikt Hecht

Von Benedikt Hecht

Mi, 25. November 2020 um 10:14 Uhr

Regio-Fußball

Unterschiedlicher konnten die Vorzeichen vor dem Bezirksligaderby nicht sein: Auf der einen Seite der Aufsteiger, für den es nur um den Klassenerhalt ging, auf der Anderen der große Titelfavorit. Am Ende stand ein 3:3.

Der Ligabetrieb im Amateursport ruht. Wäre dies nicht der Fall, stünde hier ein Spielbericht. Bis der Ball wieder rollt, wollen wir deshalb immer wieder einen Blick zurückwerfen, auf glorreiche und weniger glorreiche Zeiten. Heute: Der 5. November 2005, das Fußball-Bezirksligaderby zwischen dem SV Grafenhausen und dem SC Kappel.

Jeder Fußballer kennt diese Eindrücke vor dem Spiel. Es riecht penetrant nach Ölen, mit denen die Oberschenkel eingerieben wurden. Rituale nehmen bei den einzelnen Kickern ihren Lauf: Erst wird der linke Schienbeinschoner angezogen, dann der rechte, der linke und rechte Stutzen folgen, möglicherweise in selbiger Reihenfolge die Kickschuhe geschnürt werden. Einen Fußballer aus diesem Takt zu bringen, sollte man tunlichst vermeiden. Steht dann dazu noch ein Derby an, kann man das Adrenalin in der Kabine förmlich riechen. In Grafenhausen dürfte es im November vor 15 Jahren in beiden Kabinen ähnlich zugegangen sein. Erstmals trafen beide Clubs in der Bezirksliga aufeinander und schon spätestens beim Warmmachen wurde den Protagonisten bewusst, dass dies keine normale Partie werden dürfte. "Bereits beim Vorspiel der Reserveteams sah jeder von uns, dass es ziemlich eng um den Sportplatz werden wird", erinnert sich Benno Kassel. Er war damals Spielertrainer bei den Grafenhausenern und hatte nur ein Ziel: dem großen Favoriten SC Kappel ein Bein zu stellen.

Bereits in den Tagen zuvor war eine freudige Erwartung auf das Derby zu spüren und dass es auf keiner Seite an Motivation fehlen würde, dessen waren sich Kassel als auch sein Gegenüber Michael Bellert sicher.

1152 Zuschauer ließen sich schließlich den Leckerbissen auf dem Grafenhausener Sportplatz nicht nehmen – und sie sollten auch nicht enttäuscht werden. Denn sie bekamen eine äußerst rasante Partie zu sehen. "Die Kulisse war schon beeindruckend und vollkommen ungewohnt für die Jungs", erinnert sich Kassel. Wann erlebt schließlich ein Amateurkicker, vor einer vierstelligen Zuschauerzahl antreten zu dürfen.

Und lange sah es danach aus, als würde eine faustdicke Überraschung eintreten. Nach über 80 Minuten führten die Gastgeber gegen den haushohen Favoriten mit 3:1. "Am Ende hat es für uns leider dann aber doch nicht gereicht." Ein Grund dafür: Der Platzverweis für SVG-Verteidiger Arno Bührle Mitte der zweiten Hälfte, stellte der BZ-Berichterstatter fest. Denn beim Außenseiter machte sich das Unterzahlspiel physisch bemerkbar, "da fehlte uns letztlich die Kraft", sagt Kassel heute. Und so erzielte Günther Ernst sechs Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit den 2:3-Anschlusstreffer, ehe er in der zweiten Minute der Nachspielzeit gar noch den Ausgleich folgen ließ. "Ein bitterer Moment für uns, aber da machte sich eben die Qualität der Kappeler bemerkbar, schließlich hatten sie nicht nur Ernst, der bereits das 1:0 für den SCK geschossen hatte, sondern auch Andreas Grüninger, Hannes Isele oder Jürgen Giedemann in ihren Reihen", sagt Kassel.

Die Grafenhausener Mannschaft hingegen bestand hauptsächlich aus dem Kader, dem der Durchmarsch aus der Kreisliga B in die Bezirksliga gelungen war. "Der Vorstand war damals der Meinung, dass es nicht sinnvoll wäre, in den Kader Geld reinzustecken. So war es dann allerdings schwer, mit Mannschaften wie Kappel, dem FV Schutterwald oder dem FSV Altdorf zu konkurrieren, die ganz andere Möglichkeiten hatten." Für Grafenhausen waren an diesem Nachmittag zweimal Marko Trotter sowie Benno Kassel in der ersten Hälfte erfolgreich, so dass der Underdog ziemlich überraschend bereits zur Pause mit zwei Toren Vorsprung führte. "Und wer weiß, wie es gelaufen wäre, wenn Thorsten Kölble nach einer guten Stunde noch das 4:1 nachgelegt hätte", sagt Kassel. Kölble war frei auf SCK-Keeper Andreas Sehrer zugelaufen – das nötige Fortune fehlte ihm allerdings. Und doch zeigte sich Kassel mit dem Punkt letztendlich zufrieden. Am Ende der Saison war bei den Grafenhausenern allerdings Wehklagen angesagt, "leider verpassten wir unser Saisonziel Klassenerhalt und mussten den Gang zurück in die Kreisliga A antreten", so Kassel.
SV Grafenhausen – SC Kappel 3:3 (3:1). Tore: 0:1 Ernst (10.), 1:1, 2:1 Trotter (15., 36.), 3:1 Kassel (39./Handelfmeter), 3:2 Ernst (84.), 3:3 Ernst (90.+2). Rote Karte: Bührle (68./ Grafenhausen).