Stimmenkauf

Ein Maskottchen-Wettbewerb in Japan steht unter Korruptionsverdacht

Felix Lill

Von Felix Lill

Fr, 16. Oktober 2020 um 08:19 Uhr

Panorama

In Japan hat fast jeder Ort und jede Behörde ein Maskottchen. Jetzt wurde der wichtigste Wettbewerb, in dem die niedlichen Gestalten gekürt werden, abgeschafft – es besteht Korruptionsverdacht.

Japan gilt als Land, in dem jeder Ort und jede Behörde ein eigenes Maskottchen hat. Teilweise sind die flauschigen Figuren so beliebt wie Stars und vermarkten Essen, Schuhe und auch Überzeugungen. Es werden Milliarden-Umsätze erwirtschaftet. Jetzt aber wurde der wichtigste Wettbewerb, in dem die niedlichen Gestalten gekürt werden, abgeschafft. Es besteht Korruptionsverdacht. Der vorerst letzte Gewinner: Takata-no-yumechan.

Kumamon ist in Japan ein Superstar. Schließlich tritt dieser Bär mit roten Pausbäckchen, schwarzem Fell und immer gespitzten Ohren regelmäßig im Fernsehen auf, er hat außerdem gut 800.000 Follower bei Twitter. Auf Produktverpackungen aus seiner südwestlich gelegenen Heimatregion Kumamoto ist der Bär immer wieder zu sehen. Auch ein Manga, also ein japanischer Comic, ist über den niedlichen Bären schon erschienen. Und als Kumamoto im vergangenen Jahr von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht wurde, war es natürlich ein menschengroßer Kumamon, der medienwirksam in die zerstörten Gebiete eilte.

Maskottchen sollen den Inlandstourismus ankurbeln

Bemerkenswert an der popkulturellen Beliebtheit dieser Gestalt ist nicht nur, dass sie aus der PR-Abteilung einer Behörde stammt. Für ihre Heimatpräfektur Kumamoto hat dieser klobige Bär auch längst schon eine Botschafterrolle übernommen, die weit ins Ökonomische reicht. Allein im vergangenen Jahr spielten alle möglichen Produkte, die nach öffentlicher Genehmigung Kumamon als Werbefigur nutzten, 159 Milliarden Yen (rund 1,28 Milliarden Euro) ein. Auch in den Jahren zuvor hatte sich herausgestellt: Betriebe, die mit dem Gesicht dieses niedlichen Bären werben, haben gute Chancen auf hohe Absatzzahlen.

Seit Kumamon 2011 in ganz Japan berühmt wurde, haben mehrere Maskottchenschöpfer versucht, dieses Kunststück nachzuahmen. Die Stadt Kobe soll in den vergangenen Jahren mehr als 42 verschiedene Maskottchen für alle möglichen Zusammenhänge erschaffen haben. Eine Untersuchung des Spielzeugherstellers Bandai kam zu dem Ergebnis, dass 84 Prozent aller Menschen in Japan irgendein Produkt besitzen, das auf so ein Maskottchen zurückzuführen ist: ob Spielzeug, Anstecker, Kleidungsstück oder Cornflakes im entsprechenden Design. Ein Maskottchen repräsentiert die Region, aus der es stammt, es soll den Inlandstourismus und die Wirtschaft ankurbeln.

Fukka-chan wirbt für die Lauchproduktion

Der Spaß mit den Maskottchen folgt in Japan längst einer klaren Geschäftsstruktur. Jedes Jahr im Herbst haben die Veranstalter des Maskottchen-Wettbewerbs "Yuru-kyara Grand Prix" in allen möglichen Dörfern, Städten und Präfekturen dazu aufgerufen, die neuesten Maskottchenentwürfe ihrer jeweiligen Institutionen vorzustellen. Die Abstimmung über das lustigste, niedlichste, beste Maskottchen garantiert dem Sieger große Aufmerksamkeit – und wie Kumamon, dem Sieger von 2011, den Aufstieg zum nationalen Medienphänomen.

Dabei ist der Wettbewerb über die Jahre so beliebt geworden, dass danach nicht nur die Sieger in der echten Welt überlebt haben. Ein paar Beispiele: In Saitama, einer Stadt am nördlichen Rand von Tokio, soll Fukka-chan, ein niedliches Wesen mit grünen, lauchartigen Stängelohren, die Lauchproduktion aus Saitama bekannter machen. In derselben Stadt düst ein weißer, mit Umhang und Maske ausgerüsteter Superheldenverschnitt namens Shirao Kamen auf einem E-Roller durch die Straßen. Er hilft Kindern den Müll einzusammeln und zu sortieren. Und ein pinkfarbener Ninja mit rundem Kindskopf und Netzstrumpfhose namens Shinobi-chan steht, zumal diese Figur alles andere als langweilig aussehen soll, für den Berufsstand der Buchhalter in Japan.

Verdacht auf Stimmenkauf

Doch die Maskottchenkultur ist vielleicht etwas zu groß und ambitioniert geworden. Denn von der Krone des "Yuru-kyara Grand Prix" sind mittlerweile derartige Marketinggewinne zu erwarten, dass sich die Konkurrenzsituation zugespitzt hat – so sehr, dass die Veranstalter unter den Verdacht des Stimmenkaufs und damit in Verruf geraten sind. Wohl deshalb sahen sich die Organisatoren dazu gezwungen, den Wettbewerb nicht mehr weiter auszutragen. Ob eine Nachfolgeveranstaltung ins Leben gerufen wird, bleibt abzuwarten.

Die diesjährige – und womöglich letzte – Ausgabe des Maskottchen-Wettbewerbs endete vergangene Woche. Gewonnen hat eine weiße Gestalt mit gelbem Stern und Kiefernzweigen auf dem Kopf namens Takata-no-yumechan. Die Figur repräsentiert die Stadt Rikuzentakata, die im Jahr 2011 durch die große Katastrophe aus Erdbeben und Tsunami stark beschädigt wurde. Sie strahlt nach Angaben ihrer Schöpfer Hoffnung aus und hat das Bedürfnis, alle Kinder zu schützen. Bestimmt hofft Takata-no-yumechan, der geschädigten lokalen Wirtschaft auf die Beine zu helfen.

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