Ein Morgen mit lauter modernen Soli

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Do, 17. September 2020

Herrischried

Initiator Frangenheim will Doppelkonzerte zu einem kleinen Festival entwickeln.

. Solomusik moderner Komponisten war bei einer Matinee in der Rotmooshalle in Herrischried zu hören, nachdem es dort am Vorabend zeitgenössische Improvisationen gab. Die Besucherzahl war annähernd gleich. Initiator Alexander Frangenheim bezeichnete diese Doppelveranstaltung als Blaupause für das kommende Jahr, in dem er solche Doppelkonzerte mit einem kleinen Festival kombinieren möchte.

Zwei Solisten gestalteten die Matinee, nämlich Posaunist Andrew Digby und Keyboarder Sebastian Berweck. Digby interpretierte zwischen dem Ende der 1980er und 2015 entstandene Werke deutscher Komponisten, Berweck präsentierte mit Terry Riley einen Klassiker der amerikanischen Minimal Music der 1960er. John Cages aleatorisches Stück "Variations 2" fiel der Technik zum Opfer. Der Computer weigerte sich, die Datei zu lesen, die das Spiel mit zwei anstelle von vier Lautsprechern erlaubt hätte.

Digby begann mit Robin Hoffmanns 2015 entstandener "strassenmusik", zu der der Komponist selbst bemerkte, die Klangstruktur spiegele den Ort, die Bewegungen auf der Straße. In sich teilweise wiederholenden kurzen Sequenzen, durchsetzt mit scharfen Akzenten und Glissandi spielte Digby, sich in wechselnde Richtungen drehend, mal hektische, mal sinnierende, zielgerichtete oder auch schweifende Passagen, die eine spannend erzählte Geschichte bildeten.

Von Peter Ablinger interpretierte Digby zwei Stücke, eines, das sich ganz auf ein in mehrere Abschnitte unterteiltes, aufwärtsgerichtetes Glissando konzentrierte und eines, das im Gegensatz dazu von der Posaune nur einen einzigen Ton forderte. Dabei erklang in beiden Stücken die Posaune immer im Wechsel mit starkem flächigem Rauschen, vom Komponisten als Totalität von Klängen verstanden, die zugleich maximale Information und maximale Redundanz beinhaltet, letztlich quasi die Umsetzung der Ideen von Punkt, Linie und Fläche.

Bei der Komposition von Cornelius Schwehr kam Digby ganz ohne den Posaunenzug aus. Schwehr will mit seiner Komposition die Wahrnehmung sensibilisieren, Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Dazu kombiniert er die drei Elemente Luft, Ton und Stimme, die sich in ständiger Bewegung befinden und so dem Stück einen kontrapunktischen Duktus verleihen.

Martin Bergande lebt und arbeitet, wie Schwehr, in Freiburg. Seine Komposition "n; von ferne nah" besteht aus 13 unterschiedlich langen Abschnitten, in denen musikalische Grundgedanken ständig in andere Beziehungen treten, was dem Interpreten einen hohen Grad an teilweise unsichtbar bleibender Virtuosität abverlangt. So arbeitet Bergande etwa mit Spaltklängen, bestehend aus zwei gleichzeitig geblasenen Tönen in Kombination mit einem dazu gesungenen, wobei die entstehenden verrauschten Klänge jeweils unterschiedlich zusammengesetzt werden. Zudem schreibt er immer wieder wechselnde Spielpositionen sowie den Gebrauch verschiedener Dämpfer vor.

Nach dieser knappen Stunde abwechslungsreicher Soloposaune erklang mit Terry Rileys "Keyboard Study 1" eine von fernöstlicher Musik inspirierte, eher meditative Komposition, bestehend aus einfachen, sich ständig wiederholenden Patterns, die übereinandergelegt indes einen komplexen Zusammenhang bilden. Dabei beginnt der Zuhörer im Kopf im Verlauf des Hörens selbst neue Patterns zu entwickeln. Mit bewundernswerter Ausdauer hielt Sebastian Berweck dieser Perpetuum-Mobile-Fingerakrobatik über eine Viertelstunde stand und bescherte damit den Zuhörern eine Art Trancezustand.