Ein offenes Ohr für die gesunde Psyche

Tamara Keller

Von Tamara Keller

Di, 06. April 2021

Liebe & Familie

Die Musikjournalistin Miriam Davoudvandi spricht mit Promis über Probleme wie Burnout, Depressionen oder Essstörungen.

Sie ist in Bad Säckingen aufgewachsen und eine Größe in der deutschen Hiphop-Szene: Miriam Davoudvandi (28) spricht seit einem halben Jahr im WDR-Podcast "Danke, gut" mit bekannten Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur über komplexe Themen rund um die psychische Gesundheit.

Hey, Willkommen bei Danke gut, dem Podcast über Pop und Psyche. Wer mich noch nicht kennt: Ich bin Miriam Davoudvandi. Und um direkt mal mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich habe Depressionen, schon sehr lange.

So lautet das Intro des Podcasts. Wann sie das erste Mal offen über ihre Depressionen gesprochen hat, weiß Miriam Davoudvandi nicht mehr. Dass sie die Krankheit hat, war ihr bereits im Alter zwischen 12 und 14 bewusst. Ab da dauerte es zehn Jahre, bis sie den Begriff Depression für ihren eigenen Zustand benutzte. Sie saß in der Therapie und hatte das Wort plötzlich schwarz auf weiß vor sich. "Bis dahin dachte ich – wie so viele andere – ich dürfte das nicht. Weil ich keine offizielle Diagnose hatte. Ich dachte, ich würde anderen, die wirklich krank sind, dadurch etwas wegnehmen." Legitimation durch Diagnose – Davoudvandi weiß mittlerweile, dass das bescheuert ist.

Auch in ihrem Podcast "Danke, gut" der im vergangenen August im WDR-Programm Cosmo gestartet ist, geht es oftmals um Diagnosen, die helfen können. Aber oft sind diese gar nicht so eindeutig oder werden nur für die Krankenkassen festgehalten. Davoudvandi erklärt dieses Phänomen so: Eine physische Krankheit wie eine Schürfung spüren wir, sehen wir und es gibt meistens klare Anweisungen, wie wir diese Wunde behandeln können. Die Psyche hingegen ist nicht greifbar. Da Definitionen zu schaffen, ist schwer. Und wie soll man über etwas sprechen, dass man nicht definieren kann? Für Davoudvandi geht das, weil sie ihre Depressionen in der Therapie gut bearbeitet hat: "Aber es gibt nach wie vor Dinge, über die ich nicht sprechen kann", sagt sie.

Und ich bin der Meinung, dass man es nur schafft, psychische Krankheiten zu entstigmatisieren und mit Vorurteilen aufzuräumen, indem man mehr und mehr darüber spricht. Die meisten von uns kennen das zum Beispiel aus dem Alltag, jemand fragt: "Wie gehts dir eigentlich?", und man antwortet mit einer Floskel wie "Danke, gut", obwohl das sehr selten so gemeint ist.

So erklärt es Miriam Davoudvandi im Podcast. Wie geht es dir? Davoudvandi hat beschlossen, diese Frage nur noch ehrlich zu beantworten: "Heute ganz okay, aber ich habe nicht ganz so gut geschlafen. Deshalb bin ich gerade müde." Wenn andere lieber "Danke, gut" als Antwort bevorzugen, sei das aber auch kein Problem: Vielleicht wolle jemand, je nach Situation, sich dem Gegenüber gar nicht öffnen oder die Floskel sei zutreffend. "Ich finde, die Frage nach dem Gemütszustand ist doch, wenn sie ernst gestellt ist, sehr privat und intim", sagt sie.

Vor allem in der HipHop-Szene ist die Musikjournalistin bekannt. Knapp zwei Jahre leitete sie als Chefredakteurin das Splash!-Magazin, bis es 2019 eingestellt wurde. Mittlerweile schreibt sie vor allem frei über musikalische und andere kulturelle Themen, moderiert Musikformate, hält Workshops und legt, wenn nicht gerade Corona ist, als DJane Cashmiri auf. Das Freiburger Onlinemagazin fudder bezeichnete sie vor drei Jahren als "die Schrift gewordene Stimme der deutschen HipHop-Szene" – nun lässt sich der Titel erweitern um: das offene Ohr, wenn es um geistige Gesundheit geht.

Dass sie mal so einen Podcast haben würde, hätte Davoudvandi selbst nicht gedacht – sie sagt, das läge aber an ihrem Impostor-Syndrom. Ein psychologisches Phänomen, auch Hochstapler-Syndrom genannt, bei dem massive Selbstzweifel die Betroffenen unfähig machen, ihre eigenen Erfolge zu verinnerlichen. "Deshalb habe ich sehr lange damit gewartet, bis ich die Podcast-Idee einem Medienhaus vorgeschlagen habe. Es war gar nicht so einfach, das Thema unterzubekommen." Für Davoudvandi ist das ein weiterer Beweis: Es besteht viel Unwissen und Angst bei dem Thema. Halb schmunzelnd, halb selbstkritisch sagt sie: "Ich habe das eigentlich auch aus Egoismus gemacht. Weil ich mir früher so ein Format gewünscht hätte, in dem über mentale Gesundheit gesprochen wird."

In den sozialen Netzwerken schreibt Davoudvandi über ihren mentalen Gesundheitszustand, ihre Corona-Erkrankung oder wie Nachbarn in Bad Säckingen reagieren, wenn sie für ihre Mutter den Müll runterbringt. Davoudvandi ist in dem südbadischen Städtchen aufgewachsen. "Ich habe mich dort eine Zeit lang nicht zugehörig gefühlt und mich viel im Internet versteckt." Dort war alles, was sie interessierte: Filme, Musik und der Austausch mit Gleichgesinnten. Seither ist das Internet für sie der Ort, an dem sie alles rauslassen kann. Sie sagt, ihr hilft das. Mit der Zeit bekam sie immer mehr Mitleserinnen und Zuschauer. "Ich habe erst viel später gecheckt, dass plötzlich ein paar tausend Leute zuschauen" – auf Instagram folgen ihr fast 31 000 Menschen, auf Twitter sind es etwas mehr als 25 500. Weil sie so viel von Entstigmatisierung spricht, möchte sie mit gutem Beispiel vorangehen: "Es ist aber genauso okay, nicht darüber zu sprechen."



Das Internet als der Ort der Zugehörigkeit

Vor ihrem Mikrofon spricht die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht über Burnout, AnnenMayKantereit-Sänger Henning May über Männlichkeit und die nichtbinäre und schriftstellerisch tätige Hengameh Yaghoobifarah über Bipolarität. Die verschiedenen Sphären sind bewusst gewählt und deshalb läuft der Podcast unter dem Label "Pop und Psyche". Davoudvandi will zeigen, dass das Thema jeden betreffen kann. Genauso wichtig ist, dass es in einer Sendung auch um verschiedene Themen gehen kann: "Ich wähle nicht danach aus: Boah, heute muss ich unbedingt was zu Burnout machen, morgen brauche ich eine Borderlinerin." Und wie häufig wird Davoudvandi von ihren Gästen überrascht? Eigentlich weiß sie bei einer Aufnahme nie, wie es ausgehen wird. "Die wenigsten können über solche Themen immer sprechen, da muss man schon in der richtigen Stimmung sein. Diesen Moment zu bekommen ist für mich eher ein Glücksgriff – deshalb bin ich jedes Mal aufgeregt."

Den Podcast "Danke, gut" gibt ’s auf allen gängigen Streamingplattformen. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Folge.

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