Kommentar

Ein reinigendes türkisch-griechisches Gewitter

Gerd Höhler

Von Gerd Höhler

Fr, 16. April 2021 um 22:03 Uhr

Ausland

Ein Treffen zwischen Griechenland und der Türkei ist vor laufenden Kameras in einem Streit eskaliert. EU-Spitzenpolitiker sollten sich dennoch ein Beispiel am Auftreten der Griechen nehmen.

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland sind seit Jahren angespannt. Der Konflikt brachte die beiden Länder im vergangenen Jahr an den Rand einer militärischen Auseinandersetzung, hatte sich zuletzt aber wieder entspannt – bis es am Donnerstagabend bei einem Treffen der Außenminister zum Eklat vor laufenden Kameras kam.

Die Pressekonferenz begann wie immer. Höflich bedankte sich der griechische Außenminister Nikos Dendias bei seinem Kollegen Mevlüt Cavusoglu, "meinem alten Freund", für die Gastfreundschaft und die "große Ehre" einer Einladung zum Iftar, dem traditionellen islamischen Fastenbrechen. Doch bevor den Ministern das Essen serviert wurde, kamen die Konfliktthemen auf den Tisch. Das Menü war reichhaltig: Vom Streit um die Hoheitszonen und Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer über Flüchtlingsboote und Pushbacks bis hin zur Teilung Zyperns, der muslimischen Minderheit in Griechenland und der Umwidmung der Hagia Sofia in eine Moschee: Kaum eine Kontroverse blieb unerwähnt. Die Journalisten wurden Zeugen eines Schlagabtausches, wie man ihn zwischen zwei Außenministern live selten erlebt.

Im Ton trat der Grieche verbindlich, ja freundlich auf, aber in der Sache war er unverblümt: "400-mal, Mevlüt, sind türkische Kampfflugzeuge über griechische Inseln geflogen", hielt Dendias seinem Kollegen vor. Von Luftraumverletzungen über dem Meer wolle er gar nicht erst sprechen. Als der türkische Außenminister sich beschwerte, Griechenland ziehe "Dritte", nämlich die EU, in die Streitfragen mit der Türkei hinein, musste der Grieche ihn belehren: "Mevlüt, die EU ist kein ’Dritter’, sie ist unsere Familie."

Dendias und Cavusoglu sind politische Profis. Deshalb kam es nicht zu dem von manchen Diplomaten befürchteten Kontrollverlust. Der Wortwechsel war zwar an Deutlichkeit kaum zu überbieten, wurde aber nicht unsachlich oder gar persönlich feindselig. Dass zwei Außenminister ihre Dispute so offen vor Kameras und Mikrofonen austragen, ist ungewöhnlich. Insofern hob sich der Besuch des griechischen Außenministers positiv von den jüngsten Visiten europäischer und deutscher Spitzenpolitiker in Ankara ab. Bei denen wurde ängstlich um den heißen Brei geredet.

Der griechische Außenminister kehrte die Meinungsverschiedenheiten nicht unter den Teppich und zeigte in Ankara klare Kante. Die Türkei mag sechsmal so groß sein, achtmal so viele Einwohner haben und militärisch dem Nachbarn Griechenland haushoch überlegen sein. Aber Außenminister Dendias begegnete seinem Gastgeber Cavusoglu auf Augenhöhe. Es wirkte wie ein reinigendes Gewitter. Die in Ankara oft unterwürfig auftretenden EU-Spitzenpolitiker sollten sich ein Beispiel daran nehmen. Die Europäische Union muss sich im Umgang mit der Türkei endlich ehrlich machen. Nur wer die Probleme ausspricht, kann sie lösen.