Historische Quelle erschlossen

Ein Unglück kommt selten allein – 1632 hieß das für Durbach: Saurer Wein – und die Schweden plündern

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Mi, 13. Januar 2021 um 17:58 Uhr

Ortenaukreis

Was hat die Kleine Eiszeit mit Missernten und Hexenverfolgung zu tun? Freizeithistoriker machen Aufzeichnungen zu Durbacher Weinjahrgänge aus vier Jahrhunderten zugänglich.

Ab dem Jahrgang 1626 haben die Freiherrn Zorn von Bulach in Durbach – heute Weingut Graf Wolff-Metternich – alle Weinjahrgänge mit ihrer Qualität, Menge oder sonstigen Besonderheiten aufgeschrieben. Eine Kopie dieser einmaligen Tafel, deren Bedeutung als historische Quelle zu Klima und Wirtschaft in dieser Zeit bedeutsam ist, ist im Wein- und Heimatmuseum Durbach zu sehen. Jetzt haben die ehrenamtlichen Museumsmitarbeiter Franz Lerch, Friedrich Leeck und Josef Werner diese Jahrgänge mit Ereignissen aus Durbach, der Weltgeschichte, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Ereignisse ergänzt.



Zu finden sind darin zum Beispiel Erfindungen oder Geburt und Tod berühmter Persönlichkeiten um die zeitliche Dimension greifbar zu machen. Aufgearbeitet sind sämtliche Jahrgänge von 1626 bis 2020. Auch auf der Homepage des Museums ist die Quelle zugänglich gemacht. Dort kann der Besucher interessante Ereignisse wie in der nachstehenden Beispiel-Tabelle finden. Erweitert wird die jeweilige Fundstelle zudem mit Links, welche direkt auf erweiterte Informationen beim Online-Lexikon Wikipedia führen. Über 175 weitere ortshistorische Beiträge, Bilderserien und Hinweise sind auf der Homepage des Museums zu finden.

Und so geht’s: http://www.museum-durbach.de aufrufen, danach anklicken: "Die Durbacher Weinjahrgänge/Geschichte", dann die Periode wählen, zum Beispiel 1626 – 1700, wo dann Jahr für Jahr die Besonderheit des Weinjahrgangs, sofern bekannt ein Ereignis aus Durbach sowie in der Welt aufgelistet sind. So war zum Beispiel 1680 ein guter Jahrgang, die "frohndpflichtigen" Bauern bringen den geschuldeten Weinzehnt in die Zehntkeller. Teilweise musste der Zehntwein auch mit vier bis sechs Ochsen nach Rastatt gefahren werden. Das auch für Durbach bedeutsame Weltereignis dazu fand im August 1680 statt: Der französische König Ludwig XIV. vereinnahmt im Jahrhunderte alten Konflikt mit Habsburg mit Hilfe seiner Reunionskammern das Elsass mit konstruierten Besitzansprüchen für Frankreich.

Während der sogenannten Kleinen Eiszeit 1632 erfror sogar Ende Mai noch die ganze Weinernte

Start der Aufzeichnungen ist das Jahr 1626. Mitten in der Katastrophe des Dreißigjährigen Kriegs, in dessen Verlauf von 1618 bis 1648 in Teilen Süddeutschlands durch Kriegshandlungen, Hunger und Seuchen nur ein Drittel der Bevölkerung überlebte, beginnen die Aufzeichnung des Durbacher Weinguts. Warum? Darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht hat es mit der sogenannten kleinen Eiszeit zu tun, eine Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts besonders spürbare Abkühlung des Weltklimas, die zu Missernten führte. So heißt es in den Durbacher Aufzeichnungen zum Jahr 1626: "Den 26. Mai alles erfroren".

Sündenböcke werden bei Missernten wie auch in Pandemien immer schnell gefunden

Im Jahr darauf vermerkt die Chronik "saurer Wein", 1628 "gar nichts". Das schlechte Wetter und die Missernten sorgten – ähnlich wie in Pandemien – in der Bevölkerung dafür, dass Sündenböcke für die Misere gesucht und gefunden wurden. In dieser Zeit erreichte die Hexenverfolgung im benachbarten Offenburg, wie die Ratsprotokolle von dort belegen, ihren Höhepunkt. In Durbach ist nichts dergleichen vermerkt, aber nach drei Jahren "guter Wein" kommen 1632 zwei weitere Unglücke zusammen. Der 1632er Wein ist "schlecht" und schwedische Truppen, die zur Rettung der protestantischen Sache in diesem Religionskrieg ins deutsche Reich gekommen waren, plündern Durbach und verwüsten merkwürdigerweise auch die Kirche, obwohl die, wie die Chronik vermerkt, damals evangelisch gewesen sein soll. So geht es durch die Jahrhunderte. Es werden natürlich auch die hervorragenden Weinjahrgänge erwähnt. Die sich mit den schlechten die Waage halten. Von den konstant guten bis hervorragenden Qualitäten der letzten zwei Jahrzehnte ist noch nicht die Rede undenkbar.

Wie die Klimakrise den Weinbau bis heute verändert kann somit auch dieser Quelle entnommen werden denn die Zorn von Bulachsche Tabelle, die nur bis 1889 reicht, wurde von den Museumsmitarbeitern ergänzt und geht nun bis zum neuen Jahrgang 2020.

Die Homepage des Museums unter www.museum-durbach.de