Meer vom Leben

Ulrike Ott

Von Ulrike Ott

Sa, 01. August 2020

Reise

Steife Brise, Sand im Alltagsgetriebe, stürmische Liebe und stiller Genuss: Bei einem Urlaub zwischen Strand und Dünen entfaltet das Meer seinen ganz eigenen Sog.

ehnsuchtsort und Gefahrenstelle, zum Anbeißen lecker oder einfach nur: Wau! Vier Autorinnen schreiben über den persönlichen Meerwert eines Urlaubs an der See – weltweit.

S

Meer Genuss

Mein Bedürfnis nach Meer ist häufig ein profanes und hängt irgendwie immer mit dem fangfrisch gegrillten Fisch auf dem Teller und dem gekühlten Weißen im Glas zusammen. Ostsee, Mittelmeer, Atlantik und Pazifik– überall auf der Welt gibt es diese besonderen Plätze, wo ein nettes Restaurant direkt am Strand steht und es sich mit Blick auf die Brandung trefflich tafeln lässt. Die Sonne auf der Haut, im Haar der Wind und das Salz in der Luft inklusive. Im Laufe der Jahre haben sich einige solcher Sehnsuchtsorte in meinem Gedächtnis festgebrannt, einer der unvergesslichsten ist im Moment leider unerreichbar, denn er liegt weit weg in Südafrika. Gut eine Viertelstunde Fahrzeit braucht es von Kapstadt entlang der Küste in Richtung Norden, um in der Table Bay den Ort Bloubergstrand zu erreichen. In der ersten Reihe steht "Ons Huisie", was Afrikaans ist und übersetzt "Unser kleines Zuhause" bedeutet. Ein wunderschön restauriertes und denkmalgeschütztes altes Fischerhaus. Heute ein einladendes Lokal mit Köchen am Herd, die ihr Handwerk verstehen. Der Wein stammt ganz aus der Nähe und in Sichtweite braust der ziemlich kühle und wilde Atlantik. Kilometerlanger weißer Sandstrand, blaugrünes Wasser, eine gewaltige Gischt und ab und zu dunkle Felsbrocken, an denen sich die Wellen brechen. Weiter draußen erstürmen Kitesurfer wagemutig das Meer und den alles überspannenden Himmel mit seinen Wolkenbildern. Wer nach links schaut, erkennt die wohl bekannteste Postkartenansicht Kapstadts. Tafelberg, Devil’s Peak, Lion’s Head und Signal Hill überragen aus dieser Perspektive die Stadt. Manchmal erscheint diese berühmte Silhouette in einem blau wirkenden, schleierhaften Dunst, was wohl die Ursache dafür sein mag, dass die Bezeichnung Blau- oder Blouberg für den Ort und den gleichnamigen Strand entstand. Ob es an dieser fast schon mystisch anmutenden Stimmung liegt oder am leckeren Seafood, das an diesem Fleckchen Erde besonders gut schmeckt? Keine Ahnung – Bloubergstrand und "Ons Huisie" – wenn mir das in den Sinn kommt, ist sie plötzlich da, diese unbändige Lust auf das Meer.

Tierisch schöne Ostsee

Meine Zweibeiner sagen, ich sei eine Wasserratte und ein Balljunkie. Keine Ahnung, was die damit meinen. Ich liebe es einfach, Bälle aus dem Wasser zu holen. Egal ob aus der Dreisam, der Elz, der Glotter, der Ravennaschlucht oder dem Opfinger Baggersee. Ein ganz besonderes Gewässer haben wir vergangenen Sommer besucht: Meine Besitzer packten mich ins Auto und fuhren, und fuhren, und fuhren. "Wann sind wir endlich da?", gähnte ich. Keine Reaktion. Die Kommunikation mit den beiden ist – na, sagen wir mal: kompliziert. Doch als wir nach etlichen Stunden endlich da waren, bin ich ausgeflippt! Vor Freude. Wir waren an einem gigantisch großen See, waaauuu! Wasser, so weit meine Augen sehen konnten. "Los! Schmeiß den Ball rein!", forderte ich meine Leutchen wild wedelnd und hüpfend auf. Sie warfen und warfen, stundenlang. Toll! Meine Dosenöffner funktionierten viel besser als sonst. Sie hatten ein Dauergrinsen im Gesicht und blickten verträumt auf das große Wasser, das sie Ostsee nannten. Wenn ich aus den Fluten rausgerannt kam, gestikulierten sie wild. Tja, wieder mal so ein Kommunikationsproblem. Was soll’s?! Ich schüttelte mich, sie kreischten und lachten. Und weiter ging der Spaß. Am Strand, der für meine haarigen Kumpels und mich erlaubt war, ging stets die Post ab: Ein Labrador rannte mit einer Frisbee ins Wasser, ein Beagle begrüßte mich mit einem lässigen Wau, ein Jack Russell wollte, dass ich ihm nachjage. Nur die Spitzdame nervte, die wollte mir immer meinen Ball wegschnappen. Hier durften wir frei herumtollen, kein Zweibeiner schrie: "Machen Sie den Köter an die Leine!" Am großen Wasser sind alle, egal ob mit oder ohne Fell, viel entspannter als irgendwo sonst – meiner Spürnase ist das nicht entgangen! Deshalb sollten wir da unbedingt mal wieder hinfahren. Blöd war nur das Knirschen im Maul, vorlauter Sand!

Stürmische Liebe

Zu kalt, zu verregnet, zu teuer, zu snobby und – iiiih! – zu nackt. Es könnte viele Gründe geben, Sylt nicht zu mögen. Und erst recht, in den 1970er und 80er Jahren nicht Jahr für Jahr im Sommer wieder und wieder elendig zähe 1000 Kilometer von Südbaden im Auto samt Wohnwagen, Vorzelt und quengelnden Kinder bis hinauf zum nördlichsten Zipfel Deutschlands zu zuckeln. Und doch: Unsere Familie tat genau das mehr als zwölf Jahre lang. War besessen von einem seepferdchenförmigen Riesensandhaufen im Wattenmeer, der schon damals dem Untergang geweiht war. Die Fotoalben von einst erzählen eine bittersüße Liebesgeschichte: Die Bilder zeigen Wolkenschafe, die über den graublauen Himmel galoppieren und Menschen, die sich mitten im Sommer dick vermummt in Anorak, langen Hosen und Gummistiefeln warm zu halten versuchen. Die Alben hat mein Papa mit allerlei handschriftlichen Notizen versehen: "3 Wochen Dauerregen" – "Die See schäumt, Windstärke 7 !!!" ist da zu lesen. Aber welch seltsamer Kontrast auf den Fotos: In den aufgepeitschten, 19 Grad kühlen Wellen stehen lauter lachende, nackte Menschen. Sylt, so absurd es scheint, bedeutete stets: drei Wochen Sommerglück, selbst bei miesestem Wetter. Immer auf demselben Campingplatz, dennoch jedes Jahr ein neues Abenteuer. 1980 fegte um den 22. August ein Orkan mit Windstärke 11 über Norddeutschland hinweg, tagelang bangten wir, ob der Wohnwagen wohl stehen bleiben würde – oder auch nicht. Ein Familienmitglied tat in der Nacht kein Auge zu, jammerte, es wolle lieber in den Toilettenanlagen schlafen: "Die sind wenigstens gemauert!" Raus konnten wir nur mit übers Gesicht gezogenen Mützen, zu schmerzhaft die vom Wind waagerecht geschossenen Sandkörner, die wie tausende Nadeln in die Wangen stachen. Der Sturm riss derart heftig am Vorzelt, dass die Erwachsenen sich an die Zeltgestänge klammerten, damit das ganze Ensemble nicht wegflog. Zerfetzt wurde es trotzdem. Doch all das wurde stets belohnt mit der Ruhe nach dem Sturm. Mit ein paar Stunden Sonne, einem frisch gewaschenen, strahlend blauen Himmel und einem geheimnisvoll glitzernden Licht. Und dem zufriedenen Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit. Aber vor allem brachte es jene Geschichten hervor, die die Familie wie Kitt zusammenhielten – und die selbst heute noch alle beginnen mit dem Satz: Weißt du noch?

Weit weg zu Hause

Sch-sch-sch… Schwapp, Sch-sch-sch, Schwi-schwapp, Sch-sch-sch… Die Wellen kabbeln miteinander im Abendrot, um sich dann doch versöhnt an Land zu schieben. Diese Geräusche erkenne ich mit geschlossenen Augen. Sie sind wie heimkommen und doch bin ich mehr als 1000 Kilometer von zu Hause weg in der Bretagne. Ich nehme jedes Jahr elf quälend lange Stunden Autofahrt auf mich, nur für dieses Gefühl von Heimat in der Ferne, um im Ferienhaus der Familie, um an diesem Strand zu sein: der Trez Rouz bei Camaret sur Mer. Es ist kein besonders schöner Strand, kein besonders feiner Sand, die Bucht ist nicht übermäßig groß, die Brandung ist zwar ganz ok, aber auch nichts Besonderes. Dafür kenne ich jeden Stein, jede Möwe und jede Muschel mit Vornamen. Ich liebe diese Vertrautheit und auch die Routine: Wenn sich der Tag zu Ende neigt, gehe ich noch einmal zehn Minuten am Strand spazieren. Droht dieses Ritual auszufallen, werde ich nervös. Ich könnte ja etwas verpassen! Denn auch wenn immer an gleicher Stelle, gleicht doch kein Sonnenuntergang dem anderen. Mal ist das Wasser bei Flut so hoch, dass die Bucht fast strandlos ist, mal ist das Wasser so niedrig, dass sich der rot gefärbte Himmel endlos im zurückfließenden Wasser spiegelt. Mal bin ich alleine, mal geht es hoch her bei einer Strandparty. Vor zwei Jahren spielte an einem Abend ein junger Mann für seine Geliebte Geige. Es war so rührend – fast nicht auszuhalten: die untergehende Sonne, in der Ferne der Leuchtturm, dahinter das weite Nichts, dazu die Geigenmusik und Sch-sch-sch… Schwapp, Schwi-schwapp, Sch-sch-sch. Ob sich die zwei in diesem Moment an meinem Strand wohl auch so zu Hause fühlen?