Ein Vermögen für eine Zwiebel

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Do, 24. August 2017

Kino

DRAMA: Justin Chadwick lässt in "Tulpenfieber" das Amsterdam des 17. Jahrhunderts erblühen.

Haben wir je darüber nachgedacht, wenn wir im jedes Jahr heiß ersehnten Frühjahr einen Strauß bunter Tulpen für wenige Euro kaufen, dass diese Blume einst Ursache für die erste Finanzblase der Geschichte war? Bisher nicht. Aber im nächsten Frühling werden wir uns erinnern. Denn die opulenten Bilder und die satten Farben von "Tulpenfieber", Justin Chadwicks beeindruckend ausgestattetem Drama nach dem Roman von Deborah Moggach, bleiben im Gedächtnis.

Die Geschichte spielt in Amsterdams Goldenem Zeitalter, dem 17. Jahrhundert. Rund um die Grachten pulsiert das Leben. Die Szenerie ist bevölkert von Typen – Händler, Huren, Hausmädchen; aufgeputzt oder ärmlich gekleidet. Zu kaufen gibt es alles, was das Herz begehrt – wenn man genügend Geld besitzt. Wie Cornelis Sandvoort, der wohlhabende Gewürzhändler. Nach dem Tod seiner ersten Frau und seiner beiden Kinder hofft er, mit der jungen schönen Sophia, die er aus dem Waisenhaus freikaufte, noch einmal eine Familie gründen zu können. Sophia muss dankbar sein für den "sicheren Hafen der Ehe", in den das Schicksal sie gelenkt hat – und Cornelis betet sie an.

Doch freilich ist er alt – und das ewige Bemühen, Sophia zu schwängern, nimmt der Verbindung jegliche Leichtigkeit. Was Wunder, dass Sophia sich Hals über Kopf in den jungen Maler Jan van Loos verliebt, der das Ehepaar porträtieren soll.

Der ebenfalls entflammte Maler sieht keine andere Möglichkeit, als mit seiner Angebeteten zu fliehen. Vorher allerdings muss er schnell Geld machen – warum nicht auf Tulpenzwiebeln setzen, die Anfang der 1630er Jahre urplötzlich in den Hinterzimmern von Spelunken von Glücksrittern und cleveren Geschäftsleuten für gigantische Summen gehandelt wurden? Nicht nur der Maler, auch der Freund von Sophias Dienstmagd Maria, der Fischhändler Willem, versucht sein Glück mit den Blumen, die besonders viel Geld erzielen, wenn sie nicht einfarbig, sondern "gebrochen" daherkommen.

Unschwer zu raten, dass die Geschäfte für die jungen Männer nicht eben gut laufen. Die Geschichte spitzt sich zu: Maria wird von Willem schwanger, doch als sie es feststellt, ist der verschwunden. Sophias Plan, das uneheliche Kind als ihres auszugeben, klingt nicht nur abenteuerlich – es ist auch die Schwäche der Vorlage, das die gewagten Wendungen des Liebesdramas den üppig bebilderten Wirtschaftskrimi sehr überlagern.

Dennoch hat Drehbuchautor Tom Stoppard ("Shakespeare in Love") eine spannende und unterhaltsame Geschichte zu erzählen – und Regisseur Chadwick kann sich auf seine Schauspielrinnen und Schauspieler verlassen. Christoph Waltz spielt den gesetzten Sandvoort mit viel Würde und enormer Klugheit. Die großartige Judi Dench als Äbtissin des Klosters St. Ursula gibt sehr raffiniert dem Wahnsinn um die Tulpenzwiebeln, die im Klostergarten wachsen, Pfeffer – natürlich nur zum Besten der ihr anvertrauten Waisenkinder. Alicia Vikander erstarrt als Sophie am Anfang in Schönheit – entwickelt jedoch im Lauf des Films mehr Lebendigkeit. Überzeugend spielt Dane DeHaan den jungen Maler Jan – sein interessantes Gesicht mit den irritierend blauen Augen verfügt über eine enorme Ausdrucksbreite. Und die Tulpe? Als Blume mochten wir sie immer. Jetzt kennen wir auch ein wenig ihre Geschichte.

"Tulpenfieber" (Regie: Justin Chadwick) läuft in Freiburg, Lörrach, Basel. Ab 6.