Ein Vorbild für Menschenfreundlichkeit

Bianca Flier

Von Bianca Flier

Di, 29. Oktober 2019

Bad Bellingen

Beim 109. Hebelschoppen in Hertingen stellt Axel Hüttner in seinem Vortrag "Johann Peter Hebel und die Fremden" aktuelle Bezüge her.

BAD BELLINGEN-HERTINGEN. Zum 109. Mal fand am Sonntag der traditionelle Hebelschoppen statt. Zahlreiche Hebelfreunde waren in die evangelische Kirche in Hertingen gekommen, um den Vortrag von Pfarrer i. R. Axel Hüttner zum Thema "Johann Peter Hebel und die Fremden" zu hören.

Johann Peter Hebel sei unvergessen, betonte Pfarrer Ulrich Henze, da er auch heute noch ein Vorbild sei für Menschenfreundlichkeit. Auch stehe er für den Begriff der Heimat. Der scheidende Hebelvogt Karl Mannhardt äußerte seine Freude darüber, dass auch zahlreiche Hebelfreunde aus dem Elsass und der Schweiz gekommen waren, um "unseren hochverehrten Johann Peter Hebel" zu ehren.

Christa Heimann rezitierte als Hommage an die kürzlich verstorbene Heimatdichterin Luisa Katharina Meier, bekannt als "Breiteliesele", eines von deren Gedichten "E Plätzli zuem Bliebe".

Axel Hüttners Vortrag "Johann Peter Hebel und die Fremden" hatte einen starken Bezug zur gegenwärtigen Situation in Deutschland und war daher topaktuell. Der Referent unterstrich zunächst, dass Hebels Gesamtwerk zu 90 Prozent in Schriftdeutsch verfasst sei. In seinen Kalendergeschichten gehe er zudem weit über den badische Raum hinaus bis nach Frankreich und Holland, Dänemark, Russland und sogar bis in die Türkei. Seine "schönste und gewaltigste Geschichte", die Erzählung "Unverhofftes Wiedersehen", spiele gar in Schweden. Neben den heimatlichen "Hebelmenschen" widme Hebel sich in seinen Kalendergeschichten auch immer wieder den Fremden und Außenstehenden, insbesondere den Juden, die er oft als Hebräer oder "Morgenländer" bezeichnet. Obwohl die Juden für ihn "am Rande Stehende" waren, zeige er deutlich Sympathie und Empathie für sie, ohne sie zu idealisieren. Im Gegensatz zu vielen Geistesgrößen seiner Zeit in Dichtung und Theologie sei Hebel kein Antisemit gewesen.

Dabei sehe Hebel die Juden durchaus auch mit ihren Schwächen. Um politische Diskussionen hat er sich wenig gekümmert, doch erwähnt er im "Rheinischen Hausfreund" von 1808 das Vorgehen Napoleons zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden und lobt dies ausdrücklich. Auch führt er eine Loyalitätserklärung des Jüdischen Rates an, des "Großen Sanhedrin" in Straßburg vom 2. März 1807. Nur "Unverständige fordern die Vertreibung der Juden", so Hebel. Er wirbt in seinem Kalender-Essay einerseits bei seinen Zeitgenossen um Verständnis für die Juden, fordert die Juden aber auch auf, sich den herrschenden Sozialverhältnissen anzupassen. Hüttner nannte hier eine Initiative von Johann Georg Schlosser, einem Schwager von Goethe und Oberamtmann in Emmendingen. Schlosser setzte sich mit jüdischen Vorstehern und Lehrern an christlichen Schulen zusammen, um einen Unterricht in den Elementarfächern für jüdische Kinder zu organisieren. Auch erwähnt er eine Schrift des badischen Hofrates Philipp Holzmann, wo es heißt: "Der Staat hat sich nicht um die religiösen Meinungen der Juden zu kümmern, wenn diese nur als dessen Bürger ihre Pflicht tun". Hebel hatte also einflussreiche Zeitgenossen, die ihn in seinen Gedanken unterstützten.

Drei Kalendergeschichten, in denen die Juden eine wesentliche Rolle spielen, erwähnte Hüttner. Darin werden die Juden mit ihren Stärken und Schwächen, mit ihrem Mutterwitz und Humor dargestellt, und man spürt in diesen Handlungen die Sympathie, die Hebel für seine Kalenderfiguren empfindet. Ein Hinweis darauf, dass Hebel die soziale Realität seiner Umwelt erfasste und seinen Lesern so auch ein starkes Fundament vermittelte, voller Verständnis für die Außenstehenden, doch ohne diese zu idealisieren.

Das zu Hebels Zeit in vielen Köpfen herrschende Vorurteil, dass die "Morgenländer" ein prekäres Verhältnis zur Arbeit hätten, relativiert Hebel humorvoll, indem er auf das Jesus-Wort aus Matthäus 6 von den Lilien auf dem Felde hinweist, die weder säen noch ernten. Dies sei, so Hebel, für die Juden "die Weihe ihrer Heimat". Die Juden seien "die wahren Jünger der Bergpredigt". Pfarrer Henze sagte zustimmend: "Leben ist mehr als Arbeit und Hetze."

Der Festakt wurde musikalisch umrahmt von Beiträgen des Männerchors der Chorgemeinschaft Bad Bellingen (Leitung: Günter Mayer) und dem Orgelspiel von Hermann Mehnert. Im Anschluss gab es ein bestens besuchtes gemütliches Beisammensein im Bürgersaal. Die Gäste wurden musikalisch mit liebevoll einstudierten Beiträgen des Kinderchores "Let’s fetz" begrüßt. Bad Bellingens Bürgermeister Carsten Vogelpohl betonte in seinem Grußwort, der Hebelschoppen sei eine Traditionsveranstaltung, die unbedingt am Leben erhalten werden müsse. Die Chorgemeinschaft Bad Bellingen sorgte für das leibliche Wohl. Unterhaltung gab es mit alemannischen Beiträgen. So waren der Mundartdichter Markus Manfred Jung zu hören und Heidi Zöllner, Vertreterin der Muettersproch-Gruppe Wiesental. Auch Jürg Burkhardt erfreute mit Poetischem, und "Saubi" Saubermann aus Basel gab Basler Gedichte zum Besten. Hebelfreund Reinhard Geugelin moderierte.