Eine Brücke zum Überfliegen

Alexander Huber Klaus Riexinger

Von Alexander Huber Klaus Riexinger

So, 13. September 2020

Müllheim

Die Bahn hat bei Müllheim-Hügelheim eine Querungshilfe für bedrohte Fledermausarten gebaut.

Wer auf der B 3 zwischen der Müllheimer Kernstadt und dem Ortsteil Hügelheim unterwegs ist und den Blick Richtung Westen wendet, kann es kaum übersehen – ein Brückenbauwerk über die Schienen der Rheintalbahn, das etwas merkwürdig wirkt, weil die Enden der Überführung nicht wie bei einer Straßenbrücke sanft auslaufen, sondern abrupt steil in eine Höhe von rund acht Metern führen. In unmittelbarer Nähe verstärkt sich der imposante Eindruck noch: 11 Meter breit und 31 Meter lang spannt sich das Bauwerk über die Gleise.

Längst ist bekannt, dass diese Überführung nicht für die menschliche Spezies gebaut wurde, sondern für kleine Tiere: Fledermäuse . Dass dafür ein derart augenfälliger Aufwand betrieben wird, hat in persönlichen Gesprächen wie auch in den sozialen Medien in der Region bereits zu Diskussionen und auch zu mancherlei Kopfschütteln geführt. Das ist den Verantwortlichen bei der Bahn durchaus bewusst: "So ein Bauwerk ist natürlich erklärungsbedürftig", sagt Stefan Lauber, Arbeitsgebietsleiter der DB für den Ausbauabschnitt 9.0 der Rheintalbahn zwischen Hügelheim und Auggen, bei einem Vor-Ort-Termin für die Presse am vergangenen Donnerstag. Zumal es auch entsprechend kostet: 1,6 Millionen Euro – das sind zwar nur etwa ein Drittel bis ein Viertel dessen, was eine reguläre Straßenbrücke dieser Größenordnung kostet, aber dennoch eine Stange Geld.

Welches die DB an dieser Stelle indes gut investiert sieht. Folgt man der ausführlichen Argumentation der Bahn, wird klarer, weshalb dieser Aufwand betrieben wird: Die Rheinebene gilt in diesem Bereich als wertvolles Habitat für Fledermäuse. Gleich neun Arten hat ein von der Bahn beauftragter Gutachter hier gefunden, darunter auch die in Deutschland ausgesprochen seltene Wimperfledermaus. Streng geschützt sind indes alle neun Arten. Pro Art schätzte der Experte 100 bis 800 Tiere, die Dunkelziffer könnte indes noch höher liegen.

"Die Wimperfledermaus ist etwas ganz Besonderes", betont Biologe Christian Dietz, der zusammen mit seiner Frau ein Gutachterbüro in Haigerloch führt. Dietz gilt als einer der besten Fledermauskenner im Land. In Baden-Württemberg gebe es nur noch sieben Kolonien dieser Fledermausart, sagt Dietz. Alle leben am Oberrhein. In Bayern seien es einige Kolonien mehr, in Rheinland-Pfalz nur noch eine. Zum Überleben sind das sehr wenig. "Die Wimperfledernmaus ist vom Aussterben bedroht", sagt der Biologe.

Am wohlsten fühlt sich die Wimperfledermaus in einer Kulturlandschaft mit kleinbäuerlicher Struktur. Bei schlechtem Wetter suchen die Tiere Kuhställe auf und jagen dort Fliegen. Ansonsten fliegen sie bis zu zehn Kilometer, um an Nahrungsquellen zu kommen. "Und das bis zu vier Mal in der Nacht", sagt Dietz. Denn zwischendurch müssen die weiblichen Tiere wieder zurück in ihre Quartier, um die Jungen zu stillen. Müssen sie auf diesem Weg mehrfach eine Schnellstraße oder einer Eisenbahntrasse queren, ist die statistische Wahrscheinlichkeit groß, dass sie irgendwann von einem Auto oder einer Eisenbahn erfasst werden. So geschickt Fledermäuse im Orten von Hindernissen sind – einen von der Seite herannahenden Zug können sie mit ihrem nach vorne ausgerichteten Ultraschall nicht erfassen.

Auch andere Fledermausarten legen häufig große Entfernungen zurück, bei Hügelheim fliegen sie von ihren Schlafstätten in der Vorbergzone des Schwarzwaldes zu den Jagdgründen entlang des Rheins. Dabei nutzen sie festgelegte Routen, an denen sie sich mit ihrem Ortungssystem per Ultraschall gut orientieren können – Leitstrukturen sagen die Fachleute dazu. Eine besonders wichtige Route führt entlang der Hügelheimer Runs, einem kleinen Bachlauf in der Rheinebene, der von Gehölzen gesäumt ist. Ein kleiner Durchlass unterquert die Rheintalbahn, diesen haben die Tiere bislang genutzt, um die Verkehrsader zu queren.

Mit dem Bau des dritten und vierten Gleises jedoch muss der Durchlass für die Hügelheimer Runs deutlich vergrößert werden. Damit, so die Befürchtung der Experten, wird er vermutlich seine Funktion als Leitstruktur verlieren. Die Tiere kommen nicht mehr über die Gleise oder sind, wenn sie es doch versuchen, der Gefahr einer Kollision mit Zügen ausgesetzt – zumal der Verkehr nach dem Ausbau der Rheintalbahn nochmal deutlich zunehmen wird.

Entlang der Autobahn A 5 bevorzugen viele Fledermausarten eher Unter- als Überführungen, sagt Experte Dietz. Dies sei allerdings das Ergebnis einer Selektion. Denn Arten, die bei einem Hindernis nach oben ausweichen, gebe es dort nicht mehr: Sie fielen dem Verkehr zum Opfer. Diese Erfahrung sollte sich an der Rheintalbahn in Hügelheim nicht wiederholen.

So ist man auf die Lösung der Fledermausüberführung gekommen – übrigens bislang das einzige Bauwerk dieser Art im Bahnabschnitt zwischen Karlsruhe und Basel. Entwickelt wurde diese Idee im "Arbeitskreis Grünkonzept", einem Gremium von Bahn und Regierungspräsidium Freiburg, das mit dem Ziel eingerichtet wurde, die Eingriffe im Zuge des Ausbaus der Rheintalbahn möglichst sinnvoll auszugleichen. Im Straßenbau hat man schon seit 15 bis 20 Jahren Erfahrungen mit Querungshilfen für Fledermäuse. In den meisten Fällen dienen die Bauwerke aber nicht nur einer Tierart; Unterführungen etwa können auch von Dachsen oder Rehen genutzt werden – oder man baut sie gleich als Radweg aus. Das erhöhe die Akzeptanz in der Gesellschaft, sagt Gutachter Dietz und erinnert an den Protest vor einigen Jahren in Biberach gegen den Bau von zwei Fledermausbrücken über eine Straße, die zusammen 400 000 Euro kosteten.

Auf die Fledermausüberführung ist man bei der DB stolz – trotz der Diskussionen über deren Dimension und Kosten. Man möchte "Umwelt-Vorreiter" sein, heißt es in der Presseerklärung, die zur Vorstellung der Fledermausbrücke herausgegeben wurde. Dabei ist dieses Bauwerk ein besonders gut sichtbares Zeichen für die Ausgleichsbemühungen der Bahn. In den vergangenen zehn Jahren habe man in Deutschland rund 32 000 Maßnahmen im Natur- und Artenschutz umgesetzt, heißt es vonseiten der DB Netze . Allein in dem kleinen Ausbauabschnitt 9.0 zwischen Hügelheim und Auggen werden auf 40 Hektar Ausgleichsmaßnahmen vorgenommen.

Doch es geht nicht nur um guten Willen. Vorgaben von nationalen und europäischen Naturschutzgesetzen seien mit der Fledermausbrücke ebenfalls umgesetzt worden, erklärt Oliver Toth, Umweltsachverständiger der DB für das Bahnprojekt Karlsruhe-Basel. Unter anderem, so Toth, leite sich aus diesen Vorschriften ein Verschlechterungsverbot für gewisse Habitate ab. Soll in diesem Fall heißen: Durch den Ausbau der Rheintalbahn und den dadurch zunehmenden Bahnverkehr dürfen die Flugrouten für die Fledermäuse nicht gefährlicher werden.

Das eigentliche Bauwerk ist vor Kurzem nach rund einjähriger Bauzeit fertiggestellt worden. Nun soll es noch begrünt werden – möglichst so, dass die Brücke viele Insekten anlockt. Außerdem muss noch die Hügelheimer Runs vom alten in den neuen Durchlass, der sich nun nördlich der Fledermausbrücke befindet, umgeleitet werden. Dann, so die Hoffnung, werden die Fledermäuse ihre neue Route über die Rheintalbahn finden. Hat sich die etabliert, erklärt Oliver Toth, wird sie von den folgenden Generationen weitergenutzt.