Eine Chinesin greift nach den Sternen

Fabian Kretschmer

Von Fabian Kretschmer

Mo, 18. Oktober 2021

Panorama

Wang Yaping wird als erste Taikonautin einen Weltraumspaziergang absolvieren – und dafür in ihrem Land als Heldin verehrt.

. Kurz bevor Wang Yaping zu ihrem mittlerweile zweiten Flug ins All aufbricht, meldet sich die Taikonautin (die chinesische Bezeichnung für Raumfahrer) noch einmal bei ihren Followern auf den sozialen Medien: "Auf Geschäftsreise für das nächste halbe Jahr", postet die 41-Jährige dort. Was nach Routine klingt, ist jedoch vielmehr ein historischer Moment für das Raumfahrtprogramm des Landes – und ein wichtiges Signal für die Frauen im Land.

An Samstag kurz nach Mitternacht hob die Rakete vom Typ Langer Marsch 2F am Rande der Wüste Gobi ab. Nur zehn Minuten später erklärte die nationale Raumfahrtbehörde den Start für erfolgreich, und nach weiteren sechseinhalb Stunden erreichte die dreiköpfige Crew ihr Ziel: die sich im Bau befindliche Raumstation Tiangong (Himmlischer Palast). Dort werden die Astronauten Systeme testen, wissenschaftliche Experimente vornehmen und Bauarbeiten ausführen.

Mit sechs Monaten ist es die mit Abstand längste Weltraummission in der Geschichte des Landes. Chinas Weltraumprogramm verkörpert den Stolz eines Landes, das sich innerhalb von Jahrzehnten zu einem technologischen Vorreiter entwickelte. Das bisherige Highlight bildete 2019 die Landung eines Rovers auf der erdabgewandten Seite des Mondes, was zuvor noch keinem Land gelungen ist. Dabei hat die Volksrepublik erst vor 18 Jahren ihren ersten Taikonauten ins Weltall geschickt. Der heute 56-jährige Yang Liwei gilt in seinem Heimatland nach wie vor als Superstar, den jeder Schüler und jede Schülerin kennt. Nun also wird eine Frau in seine Fußstapfen treten. Wang Yapang kommt bei ihrer jetzigen Mission eine ganz besondere Ehre zuteil: Als erste Chinesin soll sie einen Weltraumspaziergang absolvieren.

Was nach Müßiggang klingt, ist ein extrem herausfordernder und gefährlicher Akt: Bei Außenbordeinsätzen an Raumstationen ist der Astronaut nur durch einen Raumanzug geschützt, was die Motorik stark einschränkt. Zudem ist die eingebaute Klimaanlage sehr laut.

Doch Wang hat schon mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie die nötige Fitness und Disziplin für einen solchen Einsatz mitbringt. Ihre Biografie liest sich wie eine Aufsteigergeschichte, die wohl nur in China denkbar ist: Sie ist Jahrgang 1980, wurde also geboren, als die Staatsführung die Ein-Kind-Politik einführte, in dessen Folge Millionen weiblicher Föten abgetrieben wurden. Wang wuchs in einfachen Verhältnissen als ältere von zwei Töchtern in einer Kirschbauernfamilie im ostchinesischen Shandong auf. Bereits im Gymnasium zeigte sich ihr Lernwille und athletisches Talent, was ihr nach dem Schulabschluss einen Platz an der Pilotenakademie in Changchun sicherte. Ihr Jahrgang war erst der siebte, der überhaupt Frauen als Kampfpiloten zugelassen hat. Bevor es hoch hinaus ging, verdiente sich Wang Yaping ihre Sporen innerhalb der Erdatmosphäre: 2008 flog sie Hilfsgüter in die von Erdbeben heimgesuchte Provinz Sichuan, nur zwei Monate später sorgte sie in Peking mit dem Versprühen von Silberdioden für blauen Himmel während der Olympischen Sommerspiele. 2013 schließlich flog sie als zweite Chinesin ins All.

Das ist sehr bedeutsam in einem Land, dessen Parteispitze nach wie vor fast ausschließlich aus Männern besteht und das im Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums nur auf dem 107. Platz rangiert. Spätestens seit dem Wochenende wird Wang Yaping nun von den Staatsmedien wie eine Heldin gefeiert. Die Nachrichtenagentur Xinhua publizierte ein vielgeteiltes Kurzvideo über die Astronautin, das sie gemeinsam mit ihrer fünfjährigen Tochter zeigt. Darin trägt sie einen herzerwärmenden Wunsch an ihre Mutter vor: Sie solle doch bitte einen Stern von ihrer Reise zurückbringen. "Ich verspreche es dir", antwortet Wang.