Eine Runde für die Ewigkeit

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 27. Januar 2020

Biathlon

Biathlet Benedikt Doll skatet beim Weltcup in Pokljuka den beiden Größten davon / Hettich solide.

POKLJUKA/LENZERHEIDE. Es gibt Rennen, die man ein Leben lang nicht vergisst. Das Weltcup-Massenstartrennen von Pokljuka (Slowenien) wird dazugehören. Für Benedikt Doll, seine Familie und alle, die ihm in den Biathlonwettkämpfen die Daumen drücken. Diese Schlussrunde ist der Hammer: Doll hält die beiden Biathlon-Dominatoren Johannes Thingnes Boe (Norwegen) und Martin Fourcade (Frankreich) im Mann-gegen-Mann-Duell in Schach und sichert sich hinter dem enteilten Sieger Quentin Fillon Maillet den zweiten Platz. "Ich hätte selbst nicht gedacht, dass es so ausgeht", sagt Doll, der Siebte des Gesamtweltcups.

Ausdrucksstarke Freude kommt nach dem Zieleinlauf kurz auf, als sich Fillon Maillet, Boe und Doll zu einem Siegerfoto zusammenfinden. Der Biathlet der Ski-Zunft Breitnau strahlt vor Glück, hält den Daumen hoch und ballt wenig später die Faust. Anderthalb Stunden nach dem Wettkampf hat ihn der Ruhepuls wieder fest im Griff, der Schwarzwälder spricht mit einer Nüchternheit über das Geschehen, als habe er gerade ein Seifenkistenrennen in der Nachbarschaft gemeistert: "Ja, ich bin sehr zufrieden", sagt Doll, "es ist gut zu wissen, dass man dabei ist".

Doll räumt beim letzten Schießen alle fünf Scheiben ab und geht als Dritter auf die Schlussrunde: "Ich dachte mir schon, dass das jetzt schmerzhaft wird." Fillon Maillet und Fourcade sind schon seit ein paar Sekunden auf der Strecke, die Norweger Johannes Thingnes Boe und Vetle Sjaastad Christiansen kreisen in der Strafrunde. Sie folgen Doll mit wenigen Sekunden Rückstand und schließen zu ihm auf. "Auf dem ersten Teil der Runde war mein Ski mittelmäßig, hintenraus ist er aber richtig gut gelaufen." Der Dreier-Express mit dem vorne laufenden Schwarzwälder und den beiden Norwegern holt Fourcade ein und zieht respektlos am fünfmaligen Olympiasieger, elfmaligen Weltmeister und siebenmaligen Gewinner des Biathlon-Gesamtweltcups vorbei. Das Verfolgungsrennen eine Woche zuvor beim Weltcup in Ruhpolding war Doll eine Lehre. Der Franzose Simon Desthieux und der Norweger Christiansen hatten ihn da auf dem letzten Kilometer mit ihrem Antritt stehen lassen. Also sagt sich Doll: "Ich muss das dieses Mal von vorne machen." Er knüppelt auf der Schlussrunde in Pokljuka so gnadenlos Tempo, dass Christiansen Mühe hat mitzukommen. Es tun sich immer wieder kleine Lücken auf, auch Fourcade und Boe wackeln. Dolls Tempobolzerei zeigt Wirkung: Auf der leicht abfallenden Zielgeraden wartet man auf den Angriff von Boe oder Fourcade. Oder von beiden. Aber da kommt nichts. Benedikt Doll sichert sich den zweiten Platz in tempowilder Manie von vorne. Er ringt die beiden derzeit besten Biathleten nieder – auf seine Art. Sein läuferischer Exploit ist eine Sache, seine Schießleistung eine andere: Von den 20 Scheiben verfehlt er nur eine. "So eine Sicherheit wie im Moment, hatte ich beim Schießen noch nie", sagt Doll. Er wird nun eine Woche zu Hause verbringen, danach absolviert das deutsche Team die WM-Vorbereitung in Ridnaun (Italien).

Janina Hettichs Formkurve zeigt nach oben

Janina Hettich (SC Schönwald) hat ebenfalls gute Chancen, bei der WM-Vorbereitung und den Titelkämpfen der Weltbesten in Antholz (Italien) dabei zu sein, obwohl sie die WM-Qualifikation bisher nicht geschafft hat. Die Kriterien erfüllt haben bisher nur drei deutsche Biathletinnen (Herrmann/Preuß/Hinz), der Deutsche Ski-Verband (DSV) wird aber mindestens fünf Athletinnen mitnehmen.

Das Einzelrennen in Pokljuka beendete Hettich auf Rang 26, am Schießstand verfehlte sie drei der 20 Scheiben: "Mit meiner Laufzeit im Einzel war ich sehr zufrieden, mit den ersten drei Schießen kann ich auch leben." Beim letzten Schießen habe sie ihre Nerven "nicht im Griff" gehabt und handelte sich zwei Strafminuten ein. "Das ist ein bisschen ärgerlich, weil das erste Stehendschießen blitzsauber war." Der Einsatz in der Mixedstaffel kam auch für Hettich etwas überraschend und sie zeigte beim dritten Platz des deutschen Quartetts ein solides Rennen. Sie ging als Dritte auf die Strecke und verteidigte diesen Platz bis zum nächsten Wechsel. "Ich habe in der Staffel ein gutes Rennen gemacht, hätte ich beim Stehendschießen einen Nachlader weniger gebraucht, wäre es sogar top", sagt die 23-Jährige, "ich habe beim Laufen gezeigt, dass meine Formkurve nach oben zeigt".

WM-Premieren von Behringer und Kaskel bei der Jugend

Emilie Behringer (SC Todtmoos) und Fabian Kaskel (SC Todtnau) haben bei der Biathlon-Weltmeisterschaft der Jugend und Junioren in Lenzerheide (Schweiz) das erste Rennen bestritten. Den Zehn-Kilometer-Einzelwettkampf der weiblichen Jugend beendete Emilie Behringer auf Rang 20 im 96er-Feld. Bei ersten Liegendschießen patzte sie einmal, anschließend im stehenden Anschlag zweimal. Bei der Hälfte des Rennens lag sie auf Rang 49, doch sie schaffte die Wende. Anschließend traf sie alle Scheiben und verbesserte sich auf Rang 20. Ein guter WM-Auftakt, Behringer war im Einzel zweitbeste der vier deutschen Starterinnen.

Fabian Kaskel passierte in seinem ersten großen internationalen Wettkampf ein Malheur, das er in dieser Form selbst noch nie zuvor erlebt hatte: Nach dem dritten Schuss im ersten Liegendanschlag streikte seine Waffe, eine Patrone hatte sich verklemmt, er konnte nicht weiterschießen. Er hob den Arm, ein Offizieller reichte ihm eine Ersatzwaffe und vor lauter Aufregung vergaß er, die Visierlinie einzustellen. Resultat: viel Zeit verloren, zudem drei Fehler, Rang 101 im 105er-Feld. "Ich war ziemlich angefressen", sagt der 16-Jährige, der bei den Jugendlichen auf teilweise zwei Jahre ältere Konkurrenten trifft. Vor dem zweiten Schießen bekam er wieder seine eigene Waffe gereicht und startete eine Aufholjagd. Nach nur einem Fehler bei den folgenden drei Fünferserien am Schießstand verbesserte er sich im Einzel-Schlussklassement auf Rang 57. "Bis auf das erste Schießen war es ein gutes Rennen von mir", sagt der Schüler des Kollegs St. Blasien.