Pandemie-Folgen

Einer Milliarde Menschen droht der Hunger

dpa

Von dpa

Mi, 08. Juli 2020 um 10:40 Uhr

Ausland

Die Pandemie hat die Länder des Südens erfasst und verstärkt die Folgen von Klimawandel und Gewalt. Die Welthungerhilfe warnt: Die Pandemie verschlimmert die Not "wie ein Brandbeschleuniger".

Die Welthungerhilfe hat davor gewarnt, dass die Zahl der Hungernden in der Welt als Folge der Corona-Pandemie auf eine Milliarde ansteigen könnte. Die Infektionswellen verstärkten Auswirkungen von Klimawandel und Kriegen als größte "Hungertreiber", warnte die Organisation am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung ihres Jahresberichts 2019. Nötig seien schnelle Nothilfe, aber auch verstärkte Investitionen in Landwirtschaft und bestehende Hilfsprojekte.

Die Pandemie schlägt mit voller Wucht zu

Auch die Vereinten Nationen schlugen Alarm: Die weltweite Corona-Pandemie werfe die Menschheit in Armutsbekämpfung, Gesundheitswesen und Bildung um Jahrzehnte zurück. UN-Generalsekretär António Guterres stellte am Dienstag die neueste Ausgabe des jährlichen UN-Berichts zu den 17 Nachhaltigkeitszielen vor, die sich die Weltgemeinschaft 2015 gegeben hatte. Darin heißt es, voraussichtlich 71 Millionen Menschen würden in diesem Jahr wieder in Armut zurückfallen.

"Die Vielzahl der Krisen könnte ein Ausmaß annehmen, wie wir es bisher noch nie erlebt haben. Afrika südlich der Sahara wird darunter besonders leiden." Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe
"Jetzt schlägt die Pandemie in den Ländern des Südens mit voller Wucht zu. Viele Menschen erkranken an Covid-19, viele verlieren ihre Arbeit, die Wirtschaft bricht dramatisch ein, Nahrungsmittelpreise steigen und Gesundheitssysteme sind überfordert", erklärte Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe. "Internationale Solidarität ist jetzt wichtiger denn je. Wir brauchen mehr langfristige Unterstützung." Bis Ende des Jahres könne sich die Zahl der vom Hungertod bedrohten Menschen auf 270 Millionen verdoppeln. Sie warnte vor diesem Hintergrund davor, einen "Lockdown" – weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens und damit auch der wirtschaftlichen Aktivitäten – als Allheilmittel zu betrachten und Kollateralschäden zu unterschätzen. Zudem drohe ein Einbruch von Direktinvestitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern.

"Die Corona-Pandemie funktioniert wie ein Brandbeschleuniger für ohnehin schon bestehende Krisen", so Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe. "Die Vielzahl der Krisen könnte ein Ausmaß annehmen, wie wir es bisher noch nie erlebt haben. Afrika südlich der Sahara wird darunter besonders leiden." So prognostiziert der Internationale Währungsfonds allein für die Subsahara-Region ein Minus von 3,2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Mogge sagte, oft sei zu hören: "Wir werden eher an Hunger sterben als an Corona." Er nannte als Beispiel die Lage in Simbabwe, wo sich die Zahl von Menschen in extremer Armut auf sechs Millionen verdoppelt habe. Das südafrikanische Land litt schon vor Corona an den Folgen einer Dürre; die Wirtschaftsleistung sei nun um mehr als zehn Prozent eingebrochen, so der IWF. In anderen Staaten sei das ganze Ernährungssystem akut gefährdet, so das Hilfswerk: Es fehle Saatgut, Felder würden nicht bestellt, Kredite nicht bedient.

Das Virus selbst hat den Kontinent weniger stark getroffen als die Maßnahmen gegen die Pandemie: Laut der Johns-Hopkins-Universität gab es bis 6. Juli rund 490.000 Infizierte, 11.000 Menschen starben. Bei diesen Berechnungen spielen auch das niedrige Durchschnittsalter der Menschen, ihre geringere Mobilität und die mangelnden Testkapazitäten eine Rolle.

Um die Folgen der Pandemie abzumildern, seien sofort 100 Millionen Euro notwendig, sagte Generalsekretär Mathias Mogge, die Welthungerhilfe habe dazu einen internationalen Aufruf gestartet. Die Bundesregierung hatte in ihrem Nachtragshaushalt bereits zusätzliche drei Milliarden Euro für die weltweite Corona-Hilfe bereitgestellt. Im Jahr 2019 standen der Welthungerhilfe nach eigenen Angaben 249,7 Millionen Euro im Kampf gegen Hunger und Armut zur Verfügung. Die Spendeneinnahmen lagen demnach bei 56,6 Millionen Euro. Die öffentlichen Geber stellten 189,5 Millionen Euro für die Projektarbeit bereit. Der Anteil der Bundesregierung betrug mehr als 40 Prozent.

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