Noch wird das Geheimnis nicht gelüftet

Georg Voß

Von Georg Voß

Sa, 16. März 2019

Emmendingen

Thomas Erle liest zur Premiere des zweiten Bandes seiner Trilogie "Das Lied der Wächter" in der Stadtbibliothek.

EMMENDINGEN. Rund 70 Personen fanden am Donnerstagabend den Weg in die Stadtbibliothek, um sich von dem Autoren Thomas Erle in das "Lied der Wächter" einführen zu lassen. Das Buch mit dem Untertitel "Der Gesang" ist der zweite Teil seiner Trilogie, die im Schwarzwald spielt.

"Innerlich ist es für mich eine Geschichte", sagte Thomas Erle. Viele Jahre lang habe er das Projekt in sich getragen und wieder verworfen, aber nun verwirklicht. So kam er auf 1200 Seiten, aufgeteilt in drei Bände. Der dritte Band ist im Lektorat und soll im Oktober erscheinen.

Thomas Erle ist bekannt geworden durch seine Kaltenbach-Krimis, die in Emmendingen spielen und ihm treue Leser gewannen. Mit der Trilogie vollzieht er einen Genrewechsel: vom Regiokrimi zur Regio-Saga. Im Oktober 2018 stellte Erle den ersten Band "Das Erwachen" vor, ebenfalls in der Stadtbibliothek. Rund zehn Besucher vom Donnerstag waren bei der ersten Lesung gewesen, andere kannten das Buch nicht. Also führt der Autor in die Geschichte ein – aber so, dass er nichts Spannendes verrät. Das gilt auch für seine Lesung aus dem zweiten Band. Nach jedem Abschnitt ist Zeit für die Musik, die die Passagen auf dem Tenor- oder Sopransaxophon frei nacherzählt. Das ist die Domäne von Rainer Wahl.

Die Trilogie erzählt die Geschichte von Felix, der auf der Suche nach seinen Eltern ist. Der erste Band beginnt kurz nach seiner Geburt: Seine Eltern hören auf einer Schwarzwaldtour nahe des Zastlertals Geräusche, die vom nicht ganz so fern gelegenen Fessenheim stammen: Ein verheerender Atomunfall sorgt dafür, dass der Schwarzwald als verstrahlt gilt. Der Roman macht einen Sprung zum 16-jährigen Felix, der entdeckt, dass die Frau, die ihn aufgezogen hat, nicht seine leibliche Mutter ist. Es gibt Hinweise dafür, dass seine Eltern die Katastrophe überlebt hatten. Felix will sie finden. So dringt er ein in das Sperrgebiet, nach Waldkirch, ins Höllental... Als er sich dort abseilen will, endet Band eins. Der Leser weiß inzwischen: Es gibt eine unheimliche Kraft, die den Verstand des Protagonisten auf die Probe stellt. Die Verstrahlung ist nur die Version der Regierung.

Thomas Erle will zeigen, wie der Schwarzwald nach 16 Jahren ohne Einwirkung des Menschen aussieht. Er nimmt den Leser mit durch seine genauen Ortsbeschreibungen: vorbei an den Schienen der Höllentalbahn, hin zum Raimartihof und zum Feldsee. "Hinter der nächsten Kurve spannte sich eine Brücke über die Straße. Es war die Stelle, an der die Eisenbahn vom Tal heraufführte. Die Straße bog in einer großen Kurve nach links ab, rechts im Hang gab es eine Ausbuchtung, die vielleicht früher einmal ein Parkplatz gewesen war. Hier hatte sich auf der gesamten Fläche eine riesige Brombeerhecke ausgebreitet. Der Hang dahinter ging steil nach oben."

Da 16 Jahre lang niemand den Schwarzwald betreten durfte, sind die Wege überwuchert, die Rauten des Schwarzwaldvereins verblichen. Dennoch trifft Felix auf Menschen, die in einem Schwarzwald ohne Elektrizität abgeschnitten von der Außenwelt eine neue Existenz beginnen. Es gibt noch Spuren der Atomkatastrophe. Felix sieht im Bahnhof Bärental einen seit 16 Jahren dort stehenden Zug: "Neugierig reckte er sich empor. Im nächsten Moment wusste er, dass er diesen Augenblick nie vergessen würde. Was er sah, war der Tod."

Thomas Erle hat wie immer viel recherchiert, die Wege selbst beschritten, sich aber auch bei Gerrit Müller, Oberforstrat im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, Rat über Flora und Fauna, speziell des Auerhahns, eingeholt. Oder bei Ralf Wolter, den ehemaligen Leiter der Musikschule Nördlicher Breisgau, über die Funktionsweise einer Kirchenorgel, die mit Hilfe eines Blasebalgs funktioniert. Das macht die Geschichte authentisch.

Info: Thomas Erle, Das Lied der Wächter/ I: Das Erwachen, II: Der Gesang; 2018/19 im Gmeiner Verlag, Meßkirch; je 15 Euro.