Ärger und Stolz

Michael Haberer

Von Michael Haberer

So, 03. November 2019

Endingen

Der Sonntag Die Elektrifizierung der fünf südbadischen Regionalstrecken im Rahmen des Projekts "Breisgau-S-Bahn 2020" stockt.

Am Montag wurde am Bahnhof Endingen die Elektrifizierung der Kaiserstuhlbahn gefeiert. Bis Sasbach konnten die Festgäste die Fahrt in einem Elektrozug genießen, doch dann war Schluss: Weil Zughersteller Bombardier die bestellten Triebwagen nicht liefern kann, bleibt es vorerst bei dieser Jungfernfahrt.

Der Verzug bei den Zuglieferungen ist nur ein Stein im Getriebe des Projekts "Breisgau-S-Bahn 2020". Die Elektrifizierung der Regionalstrecken stottert. Die "Kaiserstuhlbahn" von Breisach rund um den Kaiserstuhl bis nach Gottenheim wurde unter der Regie der Südwestdeutschen Landesverkehrs AG (SWEG) ausgebaut. Für diese fahren bereits zwei "Talent 2"-Triebwagen von Bombardier auf der elektrifizierten Münstertalbahn. Einer davon wurde am Montag nach Endingen beordert, damit die Festgäste nicht nur die neuen Oberleitungen zu sehen bekamen.

"Ich bin stinksauer", kommentierte Ministerialdirektor Uwe Lahl den Verzug bei der Lieferung neuer E-Züge. "Mit Diesel unter Draht fahren ist für Eisenbahner eine Sünde", sagte er in Endingen. Lahl deutete an, dass es für Bombardier teuer werde, sich nicht an die vereinbarten Lieferzeiten zu halten. Viel laufe beim kanadischen Zughersteller schief, worüber er nicht reden könne, merkte er an. Gleichzeitig stellte er den bestellten "Talent 3"-Zügen das beste Zeugnis aus.

"Ich bin stolz auf meine SWEG", erklärte der Ministerialdirektor, der gleichzeitig dem SWEG-Aufsichtsrat angehört. Der Grund für den Stolz sind die Kosten: Beim Ausbau der rund 40 Kilometer langen Strecke sei die SWEG im Kostenrahmen geblieben. Lahl rügte andere Unternehmen, die beim Ausbau der Strecken im Rahmen von "Breisgau-S-Bahn 2020" die Kosten mehr als verdoppelten.

Die Breitseite ging in Richtung Deutsche Bahn. Sie modernisiert die "Breisacher Bahn", die von Breisach direkt nach Gottenheim und von dort nach Freiburg führt. Anfangs ging man von Kosten über 57 Millionen Euro für die 22 Kilometer Bahnlinie aus. Allerdings gab nur ein Unternehmen ein Angebot für den Ausbau der Strecke ab. 100 Millionen Euro soll es kosten. Da eine Absage des Ausbaus angeblich noch teurer gekommen wäre, wurden die Verträge geschlossen. Nach einem Ortstermin in Gottenheim hieß es im August, dass die Elektrifizierung der "Breisacher Bahn" bis zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember wohl nicht fertig sein werde. Zwischen Gottenheim und Breisach werden Pendler noch eine Weile den Bus nehmen müssen.

Die "Höllentalbahn", die ebenfalls von der Deutschen Bahn ausgebaut wird, soll hingegen am 14. Dezember eingeweiht werden. Dann kann man mit dem E-Zug von Gottenheim bis Donaueschingen und Seebrugg fahren. Auf der "Höllentalbahn" sind zeitweise bereits die neuen E-Züge des französischen Konzerns Alstom unterwegs. Aber auch hier stand die Preisentwicklung und das Gebaren der Deutschen Bahn heftig in der Kritik, von "Finanzhorror" war die Rede. Die Kosten dürften bei etwa 40 Millionen Euro landen und damit deutlich über dem, was abgemacht war.

Der Kampf um den Ausbau der Elztalbahn ist derweil ein eigenes Kapitel. Gegen die Elektrifizierung der knapp 20 Kilometer langen Strecke und den geplanten Halbstundentakt leisteten einige Gegner Widerstand und verzögerten das Projekt. Im September hat das Eisenbahnbundesamt den Planfeststellungsbescheid erlassen. Im März will die SWEG die Elektrifizierung starten.

Auf deren Feier am Montag nannte der Endinger Bürgermeister Tobias Metz die Elektrifizierung einen Meilenstein in der Geschichte des ÖPNV am Kaiserstuhl. Er pries die Aussicht, mit einem Zug von Endingen über Gottenheim das Höllental hinauf in den Schwarzwald fahren zu können. Metz forderte, den ganzen ÖPNV zu berücksichtigen, dabei bezog er sich auf das Buskonzept, das der Zweckverband Regio-Nahverkehr Freiburg (ZRF) als Entwurf für die neue Fahrplanorganisation herausgegeben hat. Im Entwurf sind die Busverbindungen teils radikal zusammengestrichen worden. Landrat Hanno Hurth, Vorsitzender des ZRF, betonte, dass der Schienenausbau ohne Bund und Land für die Region nicht zu stemmen wäre. Für die "Kaiserstuhlbahn" heißt das, dass Bund und Land zusammen rund 45 Millionen Euro der Kosten in Höhe von 60 Millionen Euro tragen.

Der neue "Talent 3", der eigentlich auf allen neuen Strecken der SWEG ab dem Fahrplanwechsel fahren sollte, zeichnet sich laut Hersteller auch durch W-Lan aus sowie durch technische Komponenten, um Quietschgeräusche zu vermeiden. Dieses Quietschen war vor allem ein Thema beim Widerstand gegen die "Talent 2" auf der "Münstertalbahn" und wurde auch in der Planungsphase der ausgebauten "Kaiserstuhlbahn" heftig diskutiert.

Wegen der Lieferschwierigkeiten von Bombardier starten die "Talent 3" nun gestaffelt. Im kommenden Frühjahr nehmen sie im Münstertal Fahrt auf, im Herbst 2020 folgt dann die Strecke von Freiburg nach Denzlingen und voraussichtlich von Dezember 2020 an kommen sie auf der neu elektrifizierten Elztalbahn zum Einsatz. Erst im Frühjahr 2021 ist der Start auf der "Kaiserstuhlbahn" geplant.