Zeitgeschichte

Erinnerung an Auschwitz: Die letzten Zeugen

Dorothee Soboll

Von Dorothee Soboll

Sa, 07. Mai 2016 um 00:00 Uhr

Deutschland

Noch können wir mit den Überlebenden des Holocausts sprechen, uns ihre Geschichten anhören und Fragen stellen. Bald geht das nicht mehr. Ein Besuch in Auschwitz, 71 Jahre nach Kriegsende.

Der schmächtige alte Mann bittet um Verzeihung. "Ich spreche nicht so gut Deutsch", sagt der ehemalige Häftling. "Damals, als ich hier im Lager war, habe ich besser gesprochen. Danach fünfzig Jahre nicht mehr." Jacek Zieliniewicz steht in den Überresten des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und erzählt von der Zeit, als er dort gearbeitet hat. Er war 17 Jahre alt.

"Für mich war es das Schlimmste, als die Kinder zur Gaskammer gingen. Sie haben nicht gewusst, wohin. Wir wussten: Eine oder zwei Stunden, und sie sind fertig", sagt er leise und langsam. Erst knapp zwanzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz im Januar 1945 war er erstmals an diesen Ort zurückgekehrt. Allein. "Ich stand vor dem Tor in Birkenau, vor einem Lagerplan. Plötzlich habe ich die deutsche Sprache hinter mir gehört – ich wusste nicht, was ich machen soll: laufen, stehen bleiben, Mütze ab." Erst dann sagte er sich, dass er ja kein Gefangener mehr sei.

Statt der gestreiften Häftlingskleidung trägt Zieliniewicz heute einen grauen Anzug mit weinroter Krawatte. Auf den ersten Blick könnte er ein Besucher sein wie jeder andere – bis er den linken Ärmel hochschiebt. Etwas verblasst, aber noch gut lesbar steht dort die Nummer, die ihm die Nazis bei der Ankunft eintätowiert haben: 138 142. "In Polen gibt es zwei Worte für Millionär: Eines meint reiche Leute, das andere eine sechsstellige Häftlingsnummer", scherzt er. Die fehlende siebte Ziffernstelle opfert er seiner Pointe. Der Mensch Zieliniewicz wurde zur Nummer – und kann heute darüber Witze machen. Mittlerweile fällt es ihm leichter, zurückzukommen. "Ich war hier nach dem Kriege so viele Male. Ich treffe hier Freunde von damals. Jetzt ist es eine Erinnerung."

Fünf Quadratkilometer des Grauens
So scheinbar leicht das Erzählen nach all den Jahren Jacek Zieliniewicz ...

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