Mehr als 400 Taten

Erneuter Missbrauchsfall in Staufen: Tatverdächtiger schweigt bislang

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Di, 07. Mai 2019 um 21:00 Uhr

Staufen

Schon wieder Staufen: Die Staatsanwaltschaft Freiburg ermittelt gegen zwei Männer, die mehrere Kinder sexuell missbraucht haben sollen. Wieder arbeitet eine Ermittlungsgruppe unter Hochdruck – wie schon im Missbrauchsfall in Staufen vom Herbst 2017.

Wieder ermittelt die Kripo in Staufen, wieder geht es um den sexuellen Missbrauch von Kindern. Ein 41 Jahre alter früherer Gruppenleiter von Pfadfindern soll vier Jungen im Alter von 8 bis 14 Jahren in mehr als 400 Fällen teils schwer sexuell missbraucht haben. Zudem haben die Ermittler einen 27-jährigen Betreuer im Visier, der sich an einer jungen Pfadfinderin vergangen haben soll.

Die Festnahme

Die Handschellen klickten am 22. Februar. Beamte der Kripo haben den 41-jährigen Tatverdächtigen in der Staufener Altstadt festgenommen, als er nach der Mittagspause an seinen Arbeitsplatz in einem Einzelhandelsgeschäft zurückkehren wollte. Vier Tage zuvor war er von einer Mutter und deren heute 17-jährigem Sohn wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt worden. Die Kripo installierte sofort die zwölfköpfige Ermittlungsgruppe (EG) "Burg". Die Arbeit der Fahnder führte schnell zum Haftbefehl. Der 41-Jährige schweigt zu den Vorwürfen. Die Ermittler stützen ihre Erkenntnisse auf die Aussagen der Opfer, belastendes Foto- oder Videomaterial wurde nicht gefunden.

Gezieltes Vorgehen?

Der 41-jährige Tatverdächtige betreute früher als sogenannter Stammesakela (Gruppenleiter) die Wölflingsgruppe des Stammes "Lazarus von Schwendi", also die jüngsten Pfadfinder im Grundschulalter. "Er hat sich seine Opfer gezielt ausgesucht", berichtet Kriminalhauptkommissar Mathias Kaiser, der Chef der EG "Burg". Der Gruppenleiter soll den betroffenen Jungen viel Aufmerksamkeit und Zeit gewidmet und ihnen Geschenke gemacht haben. Er habe sehr manipulativ agiert und den Jungen vermittelt, dass die sexuellen Handlungen völlig normal seien. Zwei Opfer kommen demnach aus den Reihen der Pfadfinder.

Freiburger Kripochef zum Missbrauchsfall: "Mir tut es leid für Staufen" Die Mehrzahl der Fälle betrifft jedoch zwei Jungen, an denen er sich zwischen 2014 und 2018 und damit nach seiner Betreuertätigkeit vergangen haben soll. Es sei dabei auch zu mehreren Übergriffen in einer Woche gekommen, so die zuständige Staatsanwältin Nikola Nowak. Mit der Mutter eines seiner Opfer soll der Festgenommene auch zusammengewohnt haben.

Das erste Strafverfahren von 2004

Der 41-Jährige ist nicht vorbestraft. Er hat sich allerdings 2004 schon einmal wegen eines sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten müssen. Es sei damals um einen Fall im niederschwelligeren Bereich gegangen. Angezeigt wurde der Tatverdächtige auch damals von einem Pfadfinderkind. Das Amtsgericht hatte den Beschuldigten zunächst verurteilt, doch der Richterspruch wurde später wieder kassiert. Das Verfahren zog sich über mehrere Jahre und endete mit einem Freispruch in der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht. Es sei damals Aussage gegen Aussage gestanden, berichtet Staatsanwältin Nowak.

Gibt es weitere Opfer?

Mehr als 100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben die Kripobeamten in Staufen seit dem 18. Februar befragt. Die Opfer, die man heute schon kenne, seien teils nachhaltig traumatisiert, sagt EG-Leiter Kaiser. Sie würden durch Fachstellen professionell betreut. Die Kripo habe mit Fingerspitzengefühl und hoher Sensibilität ermittelt, so Kaiser: "Wir haben eine Brücke gebaut, über welche die Betroffenen gehen konnten. Manche konnten das aber auch nicht." Kripochef Peter Egetemaier geht davon aus, dass es noch weitere Opfer gibt. Er hofft, dass sie sich nun melden, nachdem der Fall öffentlich geworden ist.

Ein weiterer Tatverdächtiger

Im Zuge der Ermittlungen gegen den 41-Jährigen stieß die Kripo auf einen möglichen weiteren Missbrauchsfall in den Reihen der Pfadfinder. Ein 27-jähriger Betreuer soll ein Mädchen mehrfach sexuell missbraucht haben. Das Opfer sei 13 Jahre alt gewesen, als die Übergriffe begonnen hätten, so die Ermittler. Auch dieser Tatverdächtige schweigt bislang zu den Vorwürfen.

Oberstaatsanwalt sieht keine Parallelen bei Staufener Missbrauchsfällen


Wie reagiert die Kirche?

Der evangelische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh zeigt sich erschüttert über die Nachrichten aus Staufen. Er äußerte tiefes Mitgefühl mit den Betroffenen und hofft, dass die Fälle schnell aufgeklärt werden. "Es tut uns furchtbar leid, dass den betroffenen Kindern unrecht geschehen ist, als die beschuldigte Person im Bereich der Kirchengemeinde aktiv war", erklärt der Staufener Pfarrer Theo Breisacher. Die evangelische Landeskirche will nun untersuchen, wie es zur Anstellung des 41-Jährigen gekommen ist.
Die Missbrauchsfälle in Staufen 2015–2017

Der jahrelange Missbrauch eines kleinen Jungen in Staufen war nach Angaben des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg der schwerwiegendste Fall sexuellen Missbrauchs von Kindern, den die Polizei im Südwesten bislang bearbeitet hat. Opfer war ein zur Tatzeit acht und neun Jahre alter Junge, Haupttäter der im September 2017 festgenommene Lebensgefährte der Mutter des Jungen sowie die Mutter selbst. Beide boten den Jungen gegen Geld im Internet an. Im Zusammenhang mit den Taten zwischen 2015 und 2017 kam es zwischen April und August 2018 zu acht Prozessen. Die Mutter des Jungen, Berrin T. (48), wurde wegen 19 Taten zu zwölfeinhalb Jahren Haft, ihr Lebensgefährte Christian L. (39) wegen 21 Taten zu zwölf Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Die Taten reichten von schwerem Missbrauch und schwerer Vergewaltigung über Zwangsprostitution und Menschenhandel bis zu Nötigung und Beleidigung. Zudem ging es um den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornographie. Die beiden hatten viele ihrer sexuellen Übergriffe gefilmt, die Aufnahmen auf Festplatten gespeichert. Gegen die anderen Angeklagten wurden langjährige Haftstrafen verhängt, zum Teil mit Sicherungsverwahrung. Am Bundesgerichtshof (BGH) geht es am 9. Mai in Revisionsverfahren um zwei der acht Verurteilten. Die Staatsanwaltschaft will bei beiden über den BGH noch erreichen, dass die Sicherungsverwahrung verhängt wird. Im Zuge der Ermittlungen war auch ein kritisches Licht auf das Handeln von Behörden, Gerichten und Organisationen gefallen. (dpa/BZ)