Erotische Phantasien aus alter Zeit

Bianca Flier

Von Bianca Flier

Mi, 20. Juli 2022

Müllheim

Ein musikalisches "Programm der Unanständigkeiten" aus Mittelalter, Renaissance und Barock spielte The Early Folk Band in der Müllheimer Martinskirche.

. Mit einem musikalischen "Programm der Unanständigkeiten" aus Mittelalter, Renaissance und Barock entzückte am Wochenende die Gruppe The Early Folk Band ihre Hörer in der Müllheimer Martinskirche. The Early Folk Band sind anerkannte Interpreten der Alten Musik. Das Konzertmotto "Old Spices – Alte Gewürze" war eine gelungene Anspielung auf die mit anzüglichen Inhalten gewürzten Lieder.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Sonderprogramms "Neustart Kultur" der Bundesregierung statt, mit dem die Kulturstaatsministerin die Freiburger Gruppe in diesem Jahr fördert. Das Programm ist ein Rettungspaket für den coronagebeutelten Kultur- und Medienbereich.

Aus Deutschland, England und Schweden stammen die erotischen Lieder, die die sechs Musikerinnen und Musiker der Early Folk Band in akribischer Recherche zusammengetragen und in ein hinreißendes Programm verpackt haben. Begleitet von authentischen alten Instrumenten wie Dulcimer, Dudelsack, Traversflöte oder Cister erklangen Werke von bekannten Minnesängern wie Walther von der Vogelweide. Vertreten waren aber auch unbekannte Komponisten und Liedermacher aus dem Spätmittelalter. Mit virtuoser Vokalkunst, hervorragender Beherrschung der Instrumente, aufregenden Tanzeinlagen und komödiantischem Esprit begeisterte die Band die leider nur in kleiner Zahl gekommenen Zuhörer. Mit Walther von der Vogelweides berühmtem Minnelied "Unter der Linden" gelang dem Ensemble ein stimmungsvoller Auftakt. Auch "The lass o’ Pattie’s Mill" aus dem "Book of Scottish Song" und Ludwigs Senfls "Im Maien" ließen noch idyllische Bilder anklingen. Zur Sache ging es dann recht unverblümt in dem schwedischen Volkslied "Gubben kom hem", in dem eine wütende Frau sich mit drastischen Worten über ihren alten Mann beschwert, der betrunken nach Hause kommt, mit seinem besten Teil gegen den Tisch stößt und dann auch noch uriniert! Etwas indirekter gibt sich das aus dem 17. Jahrhundert überlieferte Traditional "Rue and Thyme", das die Mädchen davor warnt, ihre Unschuld dem Falschen zu schenken. Auch der Text von "Take a pound of Butter", einem Liedchen von Edmund Nelham aus dem Jahr 1646, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, wo die Butter hingeschmiert werden soll.

Da die Texte entweder in Mittelhochdeutsch, Englisch oder Schwedisch gesungen wurden, waren Erklärungen nötig. Doch manchmal machten auch deftige szenische Darstellungen klar, worum es ging. Da kracht in "Glimmering nimf" das Bett zusammen und begräbt den Barden unter sich. Und "Nine inch will please a Lady" lässt auch keinen Zweifel daran, auf welches männliche Körperteil sich dieses Längenmaß bezieht.

Ein Highlight war die Darbietung von "The friar in the well", sinngemäß übersetzt "Der Mönch im Brunnen". Das auf köstliche Weise in Szene gesetzte Lied erzählt von einem lüsternen Mönch, den eine hübsche Maid listig austrickst. In diesem Stil ging es weiter mit dem Lob der sogenannten niederen Minne, meist unverblümt, mit viel Witz und immer mit einem Augenzwinkern.

Doch nicht nur die humorvolle Seite der Erotik wurde in den Darbietungen thematisiert. In der traurigen Ballade von den "Four Marys" ging es um eine ungewollte Schwangerschaft, die mit dem Tod der betroffenen Frau am Galgen endet.

Es war ein Ohrenschmaus und gleichzeitig eine Augenweide, wie The Early Folk Band ihr Programm präsentierte. Genau wie die Spielleute im Mittelalter sind die sechs Ensemblemitglieder nicht nur virtuose Interpreten ihrer Musik, sondern auch mit schauspielerischem Talent gesegnet. Selten wird Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock so amüsant und gleichzeitig genial dargeboten.

Die Ensemble-Mitglieder kommen aus Deutschland, Schweden und Großbritannien. Jedes Mitglied konnte daher etwas aus seiner Heimat zum Programm beitragen. Kein Wunder, dass bei diesem Zusammenspiel grandioser Talente dem Publikum ein gepfeffertes erotisch-musikalisches Fest-Menü aufgetischt wurde.

Das Ensemble: Gesine Bänfer (Cister, Dulcimer, Dudelsack, Gesang) und Michael Metzler (Percussion, Barockgitarre, Gesang), Deutschland, Miriam Andersèn (Gesang, Harfe, Traversflöte) und Per Buhre (Gesang, Barockgeige Bratsche), Schweden, Katherine Christie Evans (Gesang, Gittern, Colascione) und Steven Player (Komödiant, Tänzer, Barockgitarre, Gesang) Großbritannien