Erstmal ein Gutachten

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Mo, 06. April 2020

Freiburg

Am Amtsgericht wird trotz der Corona-Pandemie noch verhandelt.

FREIBURG. Gähnende Leere in den Fluren des Amtsgerichts Freiburg, die Postfächer, aus denen sonst Anwälte ihre Post vom Gericht abholen können, sind mit einem gekreuzten rot-weißen Band gesperrt. Am Schwarzen Brett hängen nur drei Tagesordnungen – zwei für Zivilprozesse, eine weist auf zwei Strafverhandlungen hin. Bei einer davon geht es um einen Privatwohnungseinbruch.

Der Prozess findet im größten Saal des Gerichts statt. Von draußen dringen die Arbeitsgeräusche von der Baustelle des Erweiterungsbaus herein. Eine Wachtmeisterin und ein Wachtmeister, beide in ihrer dunkelblauen Uniform und mit schwarzen Handschuhen und Schutzwesten geschützt, geleiten den groß gewachsenen Angeklagten zu seinem Platz. Einen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter können sie nicht einhalten, weil er am Arm geführt werden muss. Auch müssen ihm die Handschellen abgenommen und am Ende wieder angelegt werden. Als der Angeklagte seinen Verteidiger begrüßen will, wehrt dieser dies rasch und bestimmt ab: "Der Abstand gilt auch hier!"

Richter Andreas Leipold und die beiden Schöffen rechts und links von ihm nehmen im Abstand von jeweils zwei Meter zueinander Platz. Die Protokollantin hat ihren eigenen Tisch, ebenso der Staatsanwalt. Im Zuschauerraum sitzen eine Frau und ein Mann – mehrere Meter versetzt und mit Gummihandschuhen an den Händen. Am Ende wird sich herausstellen, dass es das Ehepaar ist, in dessen Reihenhaus in St. Georgen der Angeklagte am 28. Dezember 2019 eingebrochen ist. Damals waren sie im Urlaub.

Der 42-Jährige gesteht den Einbruch. Mit einem Brecheisen habe er die Terrassentür des unbeleuchteten Hauses aufgebrochen, alle Stockwerke durchsucht und einen Beutel mit Schmuck und Uhren gefunden. Als er die Polizei vor dem Haus sah, habe sich im Keller versteckt, wo er festgenommen worden sei. Bei seiner Durchsuchung hatte er auch drei Armbanduhren unbekannter Herkunft und 1705 Euro in bar bei sich. Das Diebesgut im Wert von 7900 Euro, das er laut Anklage im Nachbargarten versteckt hatte, bekam das Ehepaar zurück.

Trotz des Geständnisses wird es bis zu einem Urteil mindestens noch sechs Wochen dauern. Denn der Angeklagte berichtet auch, dass er von Heroin abhängig gewesen sei. Den Einbruch habe er begangen, um 1700 Euro zurückzahlen zu können, die er sich für den Kauf von Drogen geliehen habe. In der Untersuchungshaft sei er wegen Entzugserscheinungen behandelt worden. Nun soll laut Gericht erst ein medizinisches Gutachten zur Schuldfähigkeit eingeholt werden – zumal eventuell auch an eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt gedacht werden müsse. Der Angeklagte stimmt einer ärztlichen Begutachtung zu. Am 13. Mai wird erneut verhandelt werden.