Erstmals Dax-Konzern pleite

Thomas Magenheim-Hörmann

Von Thomas Magenheim-Hörmann

Fr, 26. Juni 2020

Wirtschaft

Wirecard meldet Insolvenz an / Kapitalmarktkenner: Größter Bilanzskandal Deutschlands.

. Der Wirtschaftskrimi um den Skandalkonzern Wirecard mündet in sein schlimmstmögliches Ende. Der Vorstand habe entschieden, für die Wirecard AG beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen, teilte der Dax-Konzern in einer Pflichtmitteilung an die Börse mit. Es ist die erste Pleite eines Dax-Konzerns überhaupt.

Die Aktie des erst 2002 gegründeten Konzerns fiel auf etwa 2,50 Euro je Anteilsschein – vorige Woche waren es noch rund 100 Euro. Zu ihren besten Zeiten kratzte die Aktie an der 200-Euro-Marke. Der Wirecard-Vorstand um den jüngst bestellten Interimschef James Freis hat den Insolvenzbeschluss gefasst, weil in den nächsten Tagen für Bankkredite im Umfang von insgesamt 1,3 Milliarden Euro eine Kündigung drohte. An den Banken habe es aber nicht gelegen, verrät ein Insider. Vielmehr hätte Wirecard verlängerte Kredite gar nicht in Anspruch nehmen dürfen, weil absehbar war, dass man sie mangels Geschäftsperspektiven nie hätte zurückzahlen können.

Nicht Teil des Insolvenzverfahrens ist die Wirecard-Bank mit Kundeneinlagen in Milliardenhöhe. Sollte auch sie pleite gehen, springt der Einlagensicherungsfonds der Banken ein.

Die Pleite des Dax-Konzerns zeichnete sich seit voriger Woche ab, als bekannt wurde, dass in der Jahresbilanz 2019 von Wirecard 1,9 Milliarden Euro fehlen. Das entspricht einem Viertel der Bilanzsumme.

"Das ist der größte Bilanzskandal Deutschlands", beschrieb Oliver Roth in einem Interview mit dem Sender Ntv das Debakel. Der Kapitalmarktexperte der Oddo Seydler Bank hält es für "extremst unwahrscheinlich", dass Wirecard-Anleger nennenswerte Anteile ihres Investments wiedersehen. Zu den Geschädigten zählen auch die 5800 Beschäftigten des Zahlungsdienstleisters. Deren berufliche Existenz steht nun zur Disposition. Hauptverantwortlich für das Debakel sind für Experten wie Roth an erster Stelle Wirecard-Manager. Gegen den kompletten früheren Vorstand wird staatsanwaltschaftlich ermittelt.

"Das ist eine Katastrophe", wertet Aktionärsschützer Marc Tüngler den Fall. Bei Wirecard habe das System versagt, kritisiert der Chef der Aktionärsvereinigung DSW mit Blick auf Vorstand und Aufsichtsrat. Angesprochen fühlen darf sich auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Sie hatte Wirecard jahrelang unbedenkliche Bilanzen bescheinigt. Verweigert wurde erst das Testat für das Geschäftsjahr 2019. Die Bafin wiederum hatte lange die Sicht des Wirecard-Managements gestützt, wonach die Bilanzen in Ordnung seien und das Unternehmen ein Opfer böswilliger Spekulanten. Die britische Wirtschaftszeitung Financial Times hat dagegen seit Anfang 2019 immer wieder über faule Wirecard-Bilanzen berichtet. Ernst genommen wurde das lange nicht.