Es ist längst nicht gut

Emilia Smechowski

Von Emilia Smechowski

Fr, 03. August 2012

Ausland

Esther Bejarano überlebte Auschwitz, weil sie im Mädchenorchester Akkordeon spielte / Heute rappt sie in einer Kölner HipHop-Band, um die Jugend zu warnen.

Kann es nicht langsam gut sein mit Auschwitz? Esther Bejarano tanzt. Sie hebt vorsichtig den linken Fuß, wenige Zentimeter nur, dann den rechten, immer im Wechsel, sie schaut zu Kutlu rüber, links auf der Bühne, sie sammelt die Kraft, die ihr Körper aufbringen kann. Und lächelt. Die Menge klatscht, Kutlu küsst sie auf den Kopf, er muss sich runterbeugen. In ihr Mikro ruft er: "Isch liebe Esther!"

Es ist ein Freitagabend im April, ein kleines Kulturzentrum im Osten Hamburgs, sie stehen zu dritt auf der Bühne: Esther Bejarano, 87, ihr Sohn Joram, 60, und Kutlu Yurtseven, 39. Drei Generationen, sie nennen sich Microphone Mafia und machen gemeinsam HipHop.

Ihr Beat ist einfach, man könnte ihn billig nennen, bam, ts, ts, bam, ts, ts, bam, wummert es aus den Boxen. Kutlu rappt los. "Ich sehe junge Soldaten, die können’s kaum erwarten. Stehen in den Startlöchern, um Unheil zu starten. Doch ihre Augen verraten: Wo werden wir begraben sein?"

Joram Bejarano begleitet auf dem Bass, Esther klebt ihre Lippen ans Mikro. Müde sieht sie aus, ein wenig schwach, sie hustet zur Seite und haucht dann: "Shir la Shalom", ein Friedenslied.

"Nein, es kann nicht langsam gut sein mit Auschwitz", sagt sie drei Wochen später. Sie sitzt in einem Ohrensessel in ihrem Wohnzimmer. Sie will heute ihre Geschichte erzählen, die Geschichte vom Konzentrationslager, vom Mädchenorchester und davon, wie sie zum HipHop kam – und sie will davon erzählen, warum diese Geschichte erzählt werden muss. Immer wieder.

Sie beginnt in den 30er Jahren, der Vater ist Oberkantor der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken, später in Ulm, er arbeitet auch an der Oper, und zu Hause gehen die Opernsängerinnen ein und aus. Den ersten Klavierunterricht erhält "Krümel", so nennen sie Esther, mit sechs, ...

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