Es wird weiter an der Uhr gedreht

kna, dpa

Von kna & dpa

Sa, 27. März 2021

Panorama

Er sollte längst abgeschafft werden und bleibt uns dennoch weiter erhalten: der Wechsel zwischen Winter- und Sommerzeit.

(dpa/KNA/epd). Halbjährlich grüßt das Murmeltier: In der Nacht auf Sonntag wird der Uhrzeiger von zwei auf drei Uhr verrückt – dann gilt wieder Sommerzeit. Dabei sollte das Ritual in der Europäischen Union in diesem Jahr beendet werden. Antworten auf die Frage, warum es die Zeitumstellung noch gibt – und ob ein Ende in Sicht ist.

Seit wann und warum gibt es
die Zeitumstellung?

Im Gebiet des Deutschen Reiches gibt es erst seit 1893 überhaupt eine einheitliche Uhrzeit. Damals wurde die sogenannte Mitteleuropäische Zeit festgelegt. Von 1916 bis 1919 und von 1940 bis 1949 wurde allerdings eine eigene Sommerzeit eingeführt – vor allem, um das Tageslicht in Landwirtschaft und Rüstungsindustrie besser nutzen zu können. Zwischen 1950 und 1979 drehte Deutschland nicht an den Uhren. Erst im Zuge der Ölkrise führten beide deutschen Staaten wieder eine Sommerzeit ein, um Energie zu sparen. Bis 1996 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union vereinheitlicht. Seitdem stellt Deutschland die Uhren von Ende März bis Ende Oktober um.

Wie kommt es zur Debatte um die
Abschaffung der Zeitumstellung?

Seit Jahren zeigen Umfragen, dass die Zeitumstellung in vielen europäischen Ländern sehr unbeliebt ist. Deshalb hat die EU-Kommission, um Handlungsfähigkeit und Bürgernähe zu demonstrieren, eine Online-Umfrage in der EU gestartet. Dabei sprachen sich 84 Prozent der rund 4,6 Millionen Teilnehmer, darunter drei Millionen Deutsche, für eine Abschaffung aus; die meisten votierten für eine dauerhafte Sommerzeit. Als Gründe nannten die Teilnehmer etwa, dass die Umstellung ihrer Gesundheit schade. Der damalige Kommissionschef Jean-Claude Juncker verkündete daraufhin 2018: "Die Zeitumstellung gehört abgeschafft." Das EU-Parlament stimmte im März 2019 dafür, sie 2021 abzuschaffen.

Was ist seitdem passiert?
Nicht viel. Der Ball liege bei den 27 Mitgliedstaaten, heißt es von der Europäischen Kommission. Diese müssen sich einigen und klären, ob sie dauerhaft Sommer- oder Winterzeit wollen. Bislang haben die Regierungen im Rat der EU keine gemeinsame Position gefunden. Auch zum Ärger der Abgeordneten des EU-Parlaments: Dessen Vizepräsidentin Katarina Barley (SPD) sagte der Funke-Mediengruppe, das Thema sei ein Beispiel dafür, wie häufig Gesetzesvorhaben im Rat der Mitgliedstaaten versandeten.

Was ist die Position der
deutschen Politik?

Die Bundesregierung wolle verhindern, dass es Inseln aus Sommer- und Winterzeit in Europa gebe, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Die Kommission habe noch keine Folgenabschätzung vorgelegt – die sei aber nötig, um das Thema im Rat "zielführend" zu behandeln. Deutschland hat es bei der Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr nicht vorangetrieben. Die Kommission findet eine Folgenabschätzung nicht nötig.

Ist ein Ende der Zeitumstellung
in Sicht?

Derzeit hat Portugal die Ratspräsidentschaft inne. Eine Anfrage, ob das Land das Thema auf die Agenda gesetzt habe, blieb unbeantwortet. Es steht also in den Sternen, ob das halbjährliche Drehen am Uhrzeiger bald aufhört. Eine Mehrheit der Menschen in Deutschland hat den Glauben daran schon verloren: 63 Prozent der Befragten haben das Projekt auf absehbare Zeit abgeschrieben, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der DAK-Gesundheit ergeben hat. Ein Sprecher der EU-Kommission machte vergangene Woche ebenfalls wenig Hoffnung: "Die Uhr hat sich nicht vorwärts bewegt, um die Zeit zu ändern", sagte er.

Schadet die Zeitumstellung
wirklich der Gesundheit?

Kritiker argumentieren, dass die zweimalige Umstellung pro Jahr den Biorhythmus von Menschen und auch von Nutztieren durcheinander bringt. Das führe bei vielen Menschen zu gesundheitlichen Problemen, etwa Schlafproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten. Wissenschaftler unterstreichen zudem, dass die Zeitumstellung, anders als zunächst vermutet, nicht zur Energieeinsparung beiträgt: Zwar werde im Sommer tatsächlich weniger Strom für Licht verbraucht. Im Frühjahr und Herbst werde jedoch in den Morgenstunden auch mehr geheizt.

Gibt es auch Gegenpositionen?
Durchaus. Der Tübinger Gedächtnis- und Schlafforscher Jan Born hält die Zeitumstellung für eine gute Sache. Denn dabei gehe es ja darum, dass die Menschen ihre aktive Phase bei Tageslicht ausleben können. "Je mehr Licht und Sonne, desto besser für unseren Organismus." Er sei daher ein "großer Verfechter der Zeitumstellung", sagte der Leiter des Tübinger Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie.

Und wie kann man sich das mit dem
Vor- und Zurückstellen merken?

Eine bekannte Eselsbrücke ist der Vergleich zu Gartenmöbeln. Im Sommer werden die Gartenmöbel nach draußen gebracht – so wie auch die Uhr vorgestellt wird. Im Winter stellt man diese ins Haus zurück – genau wie die Uhr.