Sportgericht

Ethikkammer entscheidet erst nächste Woche über den Fall Keller

dpa

Von dpa

Fr, 14. Mai 2021 um 18:38 Uhr

Fussball

DFB-Boss Fritz Keller nimmt vor der Ethikkammer des Sportgerichts ausführlich Stellung zu seinem Nazi-Vergleich. Ein Urteil wird aber erst Mitte kommender Woche erwartet.

Nach seinem wohl letzten Auftritt als DFB-Präsident verließ Fritz Keller die Verbandszentrale in Frankfurt ohne Urteil über seinen Nazi-Vergleich, den er gegenüber Vizepräsident Rainer Koch angestellt hatte. Die Ethikkammer des Sportgerichts des Deutschen Fußball-Bundes unter dem Vorsitz von Hans E. Lorenz vertagte am Freitag die Entscheidung im Verfahren gegen den DFB-Boss auf Abruf. "Für Mitte nächster Woche ist mit einer Entscheidung zu rechnen", sagte Lorenz nach der rund dreieinhalbstündigen nicht-öffentlichen Verhandlung.

Unabhängig vom Spruch des Gremiums, das erstmals überhaupt zusammengekommen war, dürfte Keller am kommenden Montag wie angekündigt von seinem im September 2019 übernommenen Amt zurücktreten. Der 64-Jährige hatte unter dem Druck der öffentlichen Kritik und dem Misstrauensvotum der Chefs der Länder- und Regionalverbände bereits am Dienstag seine "grundsätzliche Bereitschaft" zum Rückzug nach Abschluss des Verfahrens erklärt. Es wurde zunächst nicht erwartet, dass die Vertagung des Urteils einen Einfluss auf diesen Zeitplan haben wird.

Im dunklen Anzug und mit einem Mund-Nasen-Schutz erschien Keller zu der Verhandlung, in der es um seine Äußerungen gegen den DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch bei der Präsidiumssitzung am 23. April ging. Keller hatte Koch als "Freisler" bezeichnet. Roland Freisler war Vorsitzender des Volksgerichtshofes im Nationalsozialismus. "Es war sein großes Anliegen, vor einem objektiven Gremium seine Sichtweise darzulegen", sagte Kellers Anwalt Christoph Schickhardt. "Er war sehr berührt und betroffen durch die Umstände der letzten Wochen." Die DFB-Ethikkommission hatte aufgrund der Äußerung beraten und ihr Ergebnis dem Sportgericht zur Entscheidung vorgelegt. Keller hatte erklärt, dass er die Verantwortung vor dem Sportgericht übernehme. Vor dem dreiköpfigen Gremium legte der DFB-Chef in einer laut Schickhardt sehr vertrauenswürdigen Atmosphäre seinen Standpunkt dar.

Keller-Anwalt zufrieden mit Anhörung

"Wir wurden genau angehört, was wir zu den Vorwürfen und den Umständen zu sagen haben. Es wurde auch ausführlich über die Rahmenbedingungen im DFB gesprochen", berichtete der Anwalt und fügte hinzu: "Es braucht auch im Fußball vertraute Räume, in denen man offen sprechen kann. Wo man Kritik üben kann, ohne dass gleich etwas durchgestochen wird. Das hat Fritz Keller genossen. Wir sind hochzufrieden über den Verlauf der Verhandlung und die Qualität des Gerichts und der gestellten Fragen." Keller habe in der Sitzung zudem betont, dass es ihm um den Schutz der DFB-Mitarbeiter gehe und Ruhe in den Verband einkehren müsse. Die Probleme beim DFB bestünden nicht im Maschinenraum, sondern auf der Brücke.

Wie Keller ziehen auch seine Widersacher im zerstrittenen Präsidium – Generalsekretär Friedrich Curtius, Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge – Konsequenzen. Curtius verhandelt über eine Vertragsauflösung. Koch und Osnabrügge werden beim nächsten Bundestag, der auf Anfang 2022 vorgezogen werden soll, nicht mehr zur Wiederwahl in ihre derzeitigen Posten antreten.

Koch soll aber gemeinsam mit dem Vizepräsidenten Peter Peters zum dritten Mal die DFB-Führung interimsmäßig übernehmen, wenn Keller zurückgetreten ist. Nach den Neuwahlen "ist die Mitwirkung als haftender Vorstand des DFB für mich definitiv beendet", kündigte Koch in der ARD-Sportschau an.

Dennoch könnte der 62-Jährige, der auch Präsident des Bayerischen und Süddeutschen Verbandes ist, im DFB-Präsidium weiter mitmischen. Voraussetzung dafür wäre eine Nominierung als einfacher Vizepräsident, sagte Koch der "Frankfurter Rundschau" (Freitag). Ob er das Amt auch antreten würde, ist offen.

Max Eberl fordert Neuanfang

Der Zustand des Verbands bereitet anderen Machern im deutschen Fußball weiter Sorgen. Geschäftsführer Max Eberl von Borussia Mönchengladbach verlangte einen Neuanfang angesichts der DFB-Führungskrise. "Wir müssen im deutschen Fußball frische neue Leute finden, die sich nicht mehr in Machtkämpfe verstricken - und stattdessen endlich nachhaltig die wichtigen Themen angehen, die den Fußball begleiten werden", sagte Eberl in einem Interview von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" (Samstag). Als Verein könne sich Borussia Mönchengladbach derzeit "nicht mehr mit dem DFB identifizieren".