Doping

Ex-Diskuswerfer: "Freiburg war der Wallfahrtsort für Spitzensportler"

Georg Gulde

Von Georg Gulde

So, 04. Februar 2018 um 12:44 Uhr

Sportpolitik

Der ehemalige Weltklasse-Diskuswerfer Alwin Wagner gibt sehr konkrete Einblicke in die Hoch-Zeit des westdeutschen Dopings, das vom Breisgau aus gesteuert wurde.

Diskuswerfer Alwin Wagner hätte viele Gründe, um verbittert zu sein. Er wurde angelogen, von Trainern, Sportfunktionären, Ärzten – von ihnen zum Gebrauch von Dopingmitteln verführt beziehungsweise gedrängt. Und als er sich zu wehren begann, Medikamente zu nehmen, wurde er wie ein Aussätziger verstoßen. Er war krebskrank; er brachte die Krankheit in Verbindung mit dem Doping; er war enttäuscht, dass Ärzte ihre Schweigepflicht brachen und ihn bei Trainern als Doping-Konsumenten denunzierten, der es wagt, den Einsatz von leistungssteigernden Mitteln zu hinterfragen. All das wäre dazu angetan, mit dem Sport zu brechen, sich anderen, wichtigeren Feldern des Lebens zu widmen oder einfach den Kopf in den Sand zu stecken.

Das hat Wagner nicht getan. Vielmehr hat er sich den Enthusiasmus eines Sportlers und das Gerechtigkeitsempfinden eines Polizisten bewahrt. Auch jetzt noch, mit 67 Jahren. Er zieht durchs Land, hält Vorträge. Er versucht vor allem jungen Menschen klar zu machen, dass Drogen und Dopingmittel im (verständlichen) Streben nach Glück, einem schönen Körper oder sportlichen Erfolgen nicht Gottes Werk sind, sondern Teufels Beitrag.

So war der große und kräftige Mann, der immer noch den Weltrekord im Schleuderballwerfen hält (86,92 Meter), am Donnerstagabend im Freiburger Rotteck-Gymnasium bei der Gesprächsserie "Nachgefragt", bei der zwei Oberstufenschüler einen Gast interviewen. Je fortgeschrittener der Abend, desto leichter waren die Themen – und so kam man irgendwann zum Teebeutelweitwerfen – wobei das Objekt der Begierde nicht per Hand, sondern mit dem Mund aus einem Diskusring befördert werden musste.

Klare Pillenvorgaben durch Trainer und Ärzte

Deutlich ernster war es zu Beginn der Veranstaltung zugegangen, als der Polizeibeamte a. D. über seine Zeit als Aktiver und seine – von Freiburg aus gesteuerten – Doping-Erfahrungen erzählte. "Politiker wollten Medaillen, die Trainer gaben die erforderlichen Zeiten und Weiten vor, die Athleten mussten sie bringen". In den 1970er bis 1990er Jahren, der Hoch-Zeit des Anabolika-Dopings, hätten Trainer und Ärzte klare Vorgaben gemacht: "Wenn du die Pillen nimmst, kann sich deine Leistung um zehn Prozent erhöhen", bekamen die Athleten zu hören.

Wagner erzählte schnell und fesselnd, auch wie er zum Doping kam und wie es ablief. Bei Trainingslehrgängen seien an die Athleten Pillendosen ausgegeben worden, wahrscheinlich Anabolika. Waren die Dosen leer, wurde nachbestellt oder am besten gleich nach Freiburg gefahren zu den berühmt-berüchtigten Sportärzten Armin Klümper und Joseph Keul, die Wagner "unsere Trainer in weißen Kitteln" nennt. "Freiburg war der Wallfahrtsort für Spitzensportler", sagt er. Von den Ärzten aufgeklärt worden sei er nie, Beipackzettel den Pillendosen nie beigelegen. Als Wagner doch mal einen zu Gesicht bekam und Klümper mit den möglichen Nebenwirkungen konfrontierte, soll dieser gesagt haben: "Junge, keine Angst. Das muss da draufstehen, damit sich die Pharma-Firmen absichern können. Solche Nebenwirkungen treten vielleicht in einem von zehn Millionen Fällen auf."

Obwohl Klümper und Keul einst um den Titel "Deutschlands Sportarzt Nummer eins" ziemlich unerbittlich stritten, arbeiteten sie manchmal auch zusammen. "Einmal", so Alwin Wagner, "war ich bei Keul, um die Leberwerte testen zu lassen. Die waren so gut, dass er mir empfahl, die Tablettendosis, die Klümper vorgeschlagen hatte, weiter zu erhöhen." Ob er Groll hegt gegenüber den Ärzten, wird der 67-Jährige gefragt. "Ich bin nicht der, der den ersten Stein wirft", antwortet Alwin Wagner – um noch hinzuzufügen: "Spätestens nach dem Tod der Mehrkämpferin Birgit Dressel im April 1987 hätten Klümper, Keul und später sein Nachfolger Hans-Hermann Dickhuth Athleten anschreiben und untersuchen müssen. Aber es geschah nichts. Vielmehr wurde vertuscht, gelogen und betrogen."

Das System straft die Abweichler ab

Schon vorher sei nichts geschehen: Bereits 1981 hatte sich Wagner in seiner Funktion als Athletensprecher des Deutschen Leichtathletik-Verbandes im Namen mehrerer Werfer bei Verbandsführung und Trainern beschwert: "Wir müssen immer mehr Pillen schlucken, um die Norm für die internationalen Meisterschaften zu erfüllen." Es sei ihm nicht gedankt worden. Im Gegenteil: Fortan sei er abgestraft und weniger zu internationalen Wettkämpfen eingeladen worden. Auch die damals obligatorische Saison-Abschlussreise sei ihm gestrichen und später seine Versuche torpediert worden, als Internationaler Technischer Offizieller in der Leichtathletik Fuß zu fassen.

Abweichler und Skandalaufdecker (Whistleblower) mochte das System noch nie.