Der Fußball-Schulterschluss in der Not

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Mi, 15. Januar 2020

1. Bundesliga

DFL-Chef Seifert erachtet die Mängel im Nachwuchsbereich für das größte Zukunftsproblem.

OFFENBACH. Die neue Veranstaltungsstätte für den 13. Neujahrsempfang der Deutschen Fußball-Liga (DFL) sprach für sich: Erstmals kam die Prominenz aus dem deutschen Profifußball an den Stadtrand von Offenbach in die Hallen des ehemaligen Förderband-Produzenten Fredenhagen unter besonderer Kulisse zusammen: in einer großen Industriehalle unter neun Meter hohen Decken mit verrosteten Eisenträgern. In dieser zu einer Eventlocation umfunktionierten Stahlkonstruktion hat DFL-Chef Christian Seifert eine Botschaft vermittelt, die nach Schweiß und Arbeit riecht, nach Geduld und Ausdauer: die Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball zu optimieren.

Seifert beschrieb es als die wirklich große sportliche Herausforderung, als er anmahnte: "Wir müssen ohne Wenn und Aber anerkennen: Wir haben massiven Nachholbedarf mit Blick auf die Ausbildung unserer sportlichen Toptalente." Das von Oliver Bierhoff, Direktor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), erstmals im Frühjahr 2018 im DFB-Präsidium vorgestellte "Projekt Zukunft" sei aus seiner Sicht "das wichtigste Projekt der nächsten zehn bis 15 Jahre."

Trainerausbildung, Persönlichkeitsbildung im Jugendbereich bis zur Schnittstelle in den Profibereich bedürfen einer Verbesserung. Dabei seien DFL und DFB gemeinsam gefordert. Denn: "Zurück zur Weltspitze zu gelangen, ist für beide Organisationen nicht nur ein sportliches Ziel, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit." Der Profifußball dürfe in dieser Zukunftsfrage nicht den Fehler machen, mahnte der 50-Jährige mit einem Seitenhieb an Politik und Gesellschaft an, "den wir zurzeit in Deutschland machen bei sehr vielen so genannten großen Themen: Dass wir vieles angeblich besser wissen, aber ganz objektiv nur noch wenig wirklich besser machen." Deshalb verzichtete das Sprachrohr der 36 Lizenzvereine wie in früheren Jahren auf einen verbalen Frontalangriff auf die großen Verbände. Wo neben Fifa und Uefa vor allem auch der DFB unter Regentschaft von Reinhard Grindel noch belehrende Worte zu hören bekam, symbolisierte diesmal eine Talkrunde mit dem auch mit Seiferts Zutun ausgesuchten Verbandsboss Fritz Keller den Fußball-Schulterschluss in der Not. Seifert: "Wir müssen uns hier gemeinsam mit dem DFB neu und so ganzheitlich wie noch nie zuvor aufstellen." Keller nahm dieses Zuspiel gerne auf: "Wir können nur an einem Seil in eine Richtung ziehen." Für den 62-Jährigen gehört der Frauen- und Mädchenfußball übrigens dringend mit zum großen Maßnahmenpaket.

Dass der sportliche Anschluss verloren gegangen ist, obwohl die Bundesliga hinter der Premier League die vom Umsatz zweitstärkste Liga in Europa darstellt, zeigt nicht nur das auf Fifa-Weltranglistenplatz 15 abgerutschte Nationalteam, sondern belegen auch die Detailbeobachtungen von Bierhoffs Fachkräften. Der gerade vom Trainingslager der U-16- und U-17-Nationalmannschaften in La Manga zurückgekehrte Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, verortet in einzelnen Altersklassen bereits einen Rückstand von sechs, sieben Jahren gegenüber anderen Nationen. Und auch der aktuellen U-21-Nationalelf, die im Olympia-Sommer für Deutschland antritt, fehlen Typen und Talente. Wobei Bundestrainer Joachim Löw durchaus lobend anerkannte, er habe in der Bundesliga-Hinrunde mehr Spiele auf höherem Niveau gesehen. Der bald 60-Jährige hört die Alarmglocken nicht so laut schrillen, aber auch er kann kaum leugnen: Das Zutun deutscher Kräfte an Spitzenleistungen wird zunehmend weniger.