Verbraucher

Faires Einkaufen darf für deutsche Kunden nicht teuer sein

Hanna Gersmann und epd

Von Hanna Gersmann & epd

Mi, 17. Juli 2019 um 21:27 Uhr

Wirtschaft

Zwar geben die Bürger doppelt so viel Geld für Produkte aus dem fairen Handel aus wie noch vor fünf Jahren. Doch der Ansatz, die Produzenten mit höheren Preisen zu unterstützen, bleibt eine Nische.

1,7 Milliarden Euro haben die Verbraucherinnen und Verbraucher im Jahr 2018 für Produkte aus Fairem Handel ausgegeben. Das sind 15 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor und doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren. Das erklärte am Mittwoch Manuel Blendin, der Geschäftsführer des Dachverbands Forum Fairer Handel. Nur, sagt er selbst, dürften diese Erfolge "nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin geschätzte 99 Prozent des Handels nicht fair sind". Genauer: Im Schnitt gaben die Deutschen pro Kopf im vergangenen Jahr gerade einmal 20,50 Euro für faire Lebensmittel, Textilien und Handwerksprodukte aus. Zum Vergleich: In der Schweiz waren es 2018 pro Kopf 93 Franken, das sind 84 Euro. Wo hakt es und was bringt es?

Das beliebteste Getränk: Kaffee
Das Pfund Kaffee gibt es beim Discounter derzeit schon mal für knapp drei Euro. Der Preisdruck ist enorm, das Gros des Kaffees werde über Sonderangebote verramscht, erklärt Jonas Lorenz, der die Branche für das Forum seit Langem beobachtet. Der Markt für das Lieblingsgetränk der Deutschen – im Schnitt trinkt jeder 164 Liter im Jahr – sei von einem extremen Machtgefälle geprägt. Lorenz rechnet vor: Der Umsatz der großen Röstereien und Händler in Deutschland sei in den vergangenen 20 Jahren "um 139 Prozent gestiegen, in den Produktionsländern ist die Wertschöpfung um zehn Prozent gesunken".

Brasilien, schon immer einer der größten Kaffeeproduzenten, aber auch Vietnam haben die Produktion angekurbelt, so sinkt der Weltmarktpreis. Er liegt derzeit bei 1,05 Dollar pro amerikanischem Pfund (rund 453 Gramm) Kaffee der Sorte Arabica, war aber auch schon mal bei 0,90 Dollar. Das gehe zulasten der Arbeiter und ihrer Löhne, meint Verbandschef Blendin, aber auch der Umwelt.


Die Kaffeesteuer für

faire Produkte streichen?

Das Gegenmodell: Bauern bekommen beim Fairen Handel einen Mindestpreis, derzeit 1,40 Dollar. Hinzu kommen ein Aufschlag für die Kooperativen von 20 US-Cent etwa für den Ausbau von Schulen oder medizinischer Versorgung sowie weitere 30 US-Cent, wenn die Bohnen bio sind. Ob die Existenz der Produzenten damit gesichert ist, lasse sich nicht per se sagen, räumt Blendin ein. Er erklärt: "Das hängt auch davon ab, wie viel sie produzieren, ob ihnen der Klimawandel zu schaffen macht, ob Ernten verdorren. Aber es hilft, das ist sicher."

Eigentlich wäre aus seiner Sicht ein Mindestpreis von zwei Dollar nötig. Andere Produktsiegel wie das lateinamerikanische Simbolo de Pequenos Productores (zu deutsch: Siegel der Kleinbauern) zahlten ihren Produzenten beispielsweise 2,20 Dollar. Die Konsumenten hierzulande seien aber "sehr preissensibel", sagte Blendin. Ein faires Produkt dürfe in Deutschland nicht viel oder gar nicht teurer sein als ein konventionelles, sonst werde es nicht gekauft.

Das Problem: Kaffee ist das umsatzstärkste Produkt im fairen Handel, mit ihm begann überhaupt erst seine Geschichte. Trotzdem stammt nur jede zwanzigste Tasse Kaffee, die in Deutschland getrunken wird, aus fairem Handel. CSU-Bundesentwicklungsminister Gerd Müller hat schon mal vorgeschlagen, die Kaffeesteuer für faire Produkte zu streichen. Der Finanzminister kassiert derzeit pro Kilo Pulverkaffee gut zwei Euro, bei löslichem fast fünf. Doch noch ist alles beim Alten.

Billig, billiger, Banane
Lidl wollte der erste Discounter sein, der nur noch Fairtrade-Bananen verkauft. Die kosten pro Kilo zehn bis zwanzig Cent mehr als das herkömmliche Pendant. Doch Lidl gab die Pläne wieder auf. Das Management erklärte, die Kunden seien nicht bereit gewesen, den Aufpreis zu zahlen. Die Konkurrenz hatte den Vorstoß mit besonders günstigen Angeboten gekontert. Zwar ist die Banane das absatzstärkste fair gehandelte Produkt in Deutschland, faire Ware hat bei der Obstsorte mittlerweile einen Marktanteil von rund 14 Prozent. Die Konsumenten seien aber sehr preissensibel, meinte Blendin – und forderte ein Gesetz zur menschenrechtlichen Verantwortung von Unternehmen.