Falscher Retter der Altreifen

Hilde Butz

Von Hilde Butz

Sa, 04. Juli 2020

Wehr

53-Jähriger wird wegen Diebstahls, Hausfriedensbruchs und Beleidigung angeklagt und verurteilt / Zeuge als Nazi beschimpft.

. Das Amtsgericht Bad Säckingen hat einen 53 Jahre alten Angeklagten wegen versuchten Diebstahls, Hausfriedensbruchs und Beleidigung zu einer Gesamtgeldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 30 Euro verurteilt.

Im Strafbefehl hieß es, dass er im November 2019 in Wehr unbefugt das Firmengelände eines Reifenhandels betreten und vier Altreifen im Gesamtwert von 20 Euro in einen Lieferwagen geladen habe und damit wegfahren wollte. Als er von einem Wachmann zur Rede gestellt wurde, habe er diesen als Nazi bezeichnet.

Reifen für Afrika
Es war nicht das erste Mal, dass der Mann wegen Reifenklau und Beleidigung verurteilt wurde. Er gab an, dass er alte Reifen, die für den Müll bestimmt seien, einsammle und zu einer Sammelstelle in Belgien bringe. Sie seien für Afrika bestimmt, wo sie noch Verwendung fänden.

Taxis könnten noch zwei bis drei Monate damit fahren, stark beschädigte Reifen würden zu Schuhen verarbeitet, wusste er. Normalerweise frage er die Händler auch nach Altreifen, denn die meisten seien froh, sie loszuwerden, aber in Wehr habe er auf dem Firmengelände niemanden angetroffen.

"Die Tür war nicht verschlossen und die Reifen standen am Container zum Wegwerfen", verteidigte er sich. Dann sei ein Mann gekommen und habe seinen Ausweis verlangt. Obwohl er dem sofort nachgekommen sei und die Reifen sogar wieder zurückgebracht habe, habe der Mann darauf bestanden, dass er warten solle, bis die Polizei komme. Das habe er nicht eingesehen, schließlich habe der Mann Ausweis und Autokennzeichen bereits fotografiert gehabt. "Das ging dann hin und her, aber ich glaube nicht, dass ich ihn einen Nazi genannt habe, nein das würde ich nie tun, ich bin ein friedliebender Mensch", versicherte er.

Der Wachmann konnte sich aber an das Wort "Nazi" genau erinnern, auch, dass sich der Reifendieb vor ihm aufgebaut und verbal aggressiv reagiert habe. Davon gab der Angeklagte dann direkt im Gerichtssaal eine Kostprobe ab. Erst wurde er dem Zeugen gegenüber laut und bezichtigte ihn, die Unwahrheit zu sagen, dann schwenkte er um, nannte ihn "my friend" und fiel ihm spontan um den Hals.

In Zeiten von Corona hätte der Zeuge vermutlich auf diese Sympathiebezeugung lieber verzichtet. Nachdem der Zeuge den Saal verlassen hatte, brach der Angeklagte in Tränen aus, so dass die Verhandlung für einige Zeit unterbrochen werden musste.

Angeklagter ist vorbestraft
Die Verteidigung plädierte auf Freispruch in allen Punkten, da der Reifenhändler durch die Wegnahme der Altreifen nicht geschädigt, sondern bereichert worden sei, weil er sich die Entsorgung gespart habe. Auch Hausfriedensbruch und Beleidigung sah sie nicht als erwiesen an. Richter Rupert Stork war jedoch davon überzeugt, dass die beleidigende Bezeichnung gefallen ist und wies darauf hin, dass auch die Wegnahme von vermeintlich wertlosen Gegenständen Diebstahl sein kann.

Da der Angeklagte auf eingezäuntes Gelände eingedrungen sei, habe er sich des Hausfriedensbruchs schuldig gemacht. Die einschlägigen Vorstrafen wirkten sich strafverschärfend aus. Trotz der Verurteilung auf ganzer Linie, verabschiedete sich der Angeklagte bei sämtlichen Prozessbeteiligten mit einem herzlichen "Thank you, so much".