Corona-Testzentrum

Fast 70.000 ließen sich an der Autobahn bei Neuenburg testen

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Mi, 07. Oktober 2020 um 11:28 Uhr

Müllheim

"Wer kam, wurde getestet": Die Verantwortlichen ziehen ein positives Fazit nach dem siebenwöchigem Betrieb der Corona-Teststation an der A 5 bei Neuenburg. Nicht nur Reiserückkehrer fuhren hin.

Ein ausgesprochen positives Fazit ziehen die Verantwortlichen des Deutschen Roten Kreuzes vom Badischen Landesverband und dem Kreisverband Müllheim nach Betrieb der Corona-Teststation an der A utobahn bei Neuenburg. Fast 70. 000 Menschen ließen sich zwischen dem 14. August und dem 30. September auf dem Autobahnparkplatz testen. Dabei war das Projekt nicht nur aufgrund der kurzen Vorlaufzeit eine gewaltige Herausforderung.

Gerlinde Engler ist er noch sehr präsent – jener Freitagabend Anfang August, als ihr langsam dämmerte, was da auf sie und ihr Team beim DRK in Müllheim zukommen könnte. Im Stuttgarter Sozialministerium hatte sich die Idee herauskristallisiert, während der Urlaubszeit Corona-Teststationen speziell für Reiserückkehrer einzurichten. Mehrere Standorte waren im Gespräch, schließlich fiel die Wahl zunächst auf eine Station am Stuttgarter Hauptbahnhof – und eine an der A 5 bei Neuenburg. Später dann kam noch eine an der A 8 (Kemmental Ost) hinzu. "Ich bin erstmal auf Google Earth gegangen und hab’ mir diesen Autobahnparkplatz angeschaut", erinnert sich Engler, Geschäftsleiterin des DRK-Kreisverbandes Müllheim.

Schnell wurde klar, dass hier eine Drive-in-Station die beste Wahl sein würde, bei der die zu Testenden ihr Fahrzeug nicht verlassen. "Wir wollten auf keinen Fall, dass die Leute da rumlaufen." Schnittstelle zwischen dem Müllheimer Kreisverband und dem Sozialministerium war der Badische Landesverband des DRK. Andreas Formella, stellvertretender Landesgeschäftsführer, zeigt sich im BZ-Gespräch geradezu begeistert, wenn er auf die Wochen zurückblickt, in denen die Teststation bei Neuenburg in Betrieb war. "Wir haben gezeigt, welchen hohen Organisationsgrad wir als DRK haben und dass wir auch bei solchen speziellen Aufgaben für den Bevölkerungsschutz parat stehen."

Nur wenige Tage Vorlaufzeit für die Organisatoren

Dabei war am Anfang noch eine ganze Menge unklar – auch, wie sich das Projekt entwickeln würde. Als am 14. August, nach nur wenigen Tagen Vorlaufzeit, die Teststation öffnete, war das öffentliche Interesse groß – und der Druck hoch. Seinerzeit waren gerade die Pannen mit den Corona-Tests in Bayern bekannt geworden, "und so gut wie jeder Medienvertreter hat uns gefragt: Was, wenn Ihr das auch so in den Sand setzt wie dort", erzählt Gerlinde Engler.

Doch abgesehen von "ganz wenigen Einzelfällen", wie Formella sagt, hat die Teststation wie gewünscht funktioniert. Kaum einer hatte wohl mit einem solchen Andrang gerechnet. Insgesamt 69.983 Testungen wurden auf dem Autobahnparkplatz Neuenburg-Ost vorgenommen, in Spitzenzeiten bis zu 3100 täglich. Ursprünglich war man von ein paar hundert Tests pro Tag ausgegangen. Am Anfang war man dabei nicht wählerisch. Auch wenn die Teststation eigentlich für die Reiserückkehrer gedacht war, stellte sich schnell heraus, dass sie auch von anderen genutzt werden wollte. Erntehelfer, die zur Weinlese gekommen waren, schauten vorbei, Kliniken und Ärzte schickten Verdachtsfälle, auch Menschen aus der Region machten sich auf den Weg. 60 bis 65 Prozent waren tatsächlich Reiserückkehrer, wie Engler schätzt.

Dass man dort, zumindest am Anfang, nicht groß filtern wollte, war schnell klar. "Wir wollten keine unendlichen Diskussionen. Wer kam, wurde getestet", sagt Engler. Das Sozialministerium gab grünes Licht – schnell und unbürokratisch, wie Andreas Formella lobt. Erst ab dem 16. September beschränkte man das Testangebot auf Rückkehrer aus den vom Robert-Koch-Institut definierten Risikogebieten.

Überhaupt sei die Zusammenarbeit mit dem Ministerium ausgezeichnet gewesen, betonen die DRK-Vertreter. Die Drähte zwischen Stuttgart, Freiburg, dem Sitz des Landesverbandes, und Müllheim waren kurz und glühten, gerade in den ersten Tagen des Betriebs der Teststation auch noch spät am Abend oder am Wochenende. "Es gab jeden Tag neue Fragen", berichtet Andreas Formella.

Reisende reagieren überwiegend positiv

Dass man auf fast alle rasch eine Antwort finden konnte, führen Formella und Engler vor allem darauf zurück, dass in Neuenburg die vielen Rädchen dieses Projekts gut ineinander gegriffen haben – innerhalb des DRK, aber auch, wie Engler betont, im Zusammenspiel mit anderen Institutionen. Sei es das Testlabor, das in den allermeisten Fällen die Ergebnisse innerhalb weniger Tage zur Verfügung stellte, die sich die Getesteten über einen Barcode online abrufen konnten; sei es die Polizei, die den Verkehr sicher lenkte und gemeinsam mit einem Sicherheitsdienst auf dem Parkplatz nach dem Rechten schaute. Das Technische Hilfswerk sorgte für Beleuchtung, die Deutsch-Französische Brigade für personelle Hilfe bei administrativen Aufgaben der Teststation. Alle Beteiligten seien sehr wertschätzend miteinander umgegangen, "das war eine wirklich tolle Erfahrung", sagt Formella.

Vom DRK waren rund 275 Helferinnen und Helfer im Einsatz – 16 bis 18 pro Schicht. Die kamen vor allem aus dem Müllheimer Kreisverband, aber auch aus anderen Regionen Südbadens. Ihre Sicherheit war dabei genauso im Fokus wie der möglichst reibungslose Ablauf der Testungen, sagt Engler. Dafür wurde ein detailliertes Hygienekonzept entwickelt.

Testwillige mussten abgewiesen werden

Die Reaktionen der Reisenden beschreiben Engler und Formella als überwiegend dankbar und positiv. Hin und wieder aber brach sich auch Unzufriedenheit Bahn. Gerade an den letzten beiden Ferien-Wochenenden kam die Station an ihre Grenzen, Testwillige mussten abgewiesen werden – was nicht jedem gefiel. Ein Angebot, das es kurz zuvor noch gar nicht gab, wurde von manch einem als Selbstverständlichkeit betrachtet, auf die man meinte, einen Anspruch zu haben.

Ob man ein derartiges Testprojekt so wiederholen würde, ist bei dem dynamischen Verlauf der Pandemie unsicher. Inzwischen kristallisiert sich auch immer mehr heraus, dass mindestens zwei Tests im Abstand von ein paar Tagen sinnvoll wären. In Neuenburg seien etwa 0,8 bis ein Prozent der Tests positiv gewesen, berichtet Engler. Die Zahl der tatsächlich Infizierten könnte jedoch durchaus höher gelegen haben.