USA

Faszination Yellowstone-Nationalpark: Von Bisons, Quellen und Regenbogenfarben

Christian Röwekamp

Von Christian Röwekamp

So, 18. August 2019 um 12:32 Uhr

Reise

Im Nordwesten der USA liegt der riesige Yellowstone-Nationalpark mit Canyons und Geysiren. Trotz der Größe: Wer im Park ungestört unterwegs sein will, muss früh aufstehen.

Nichts geht mehr auf dem Highway durch das Hayden Volley. Eine Herde Bisons überquert, vom Yellowstone River kommend, die Straße und stört sich nicht an den Autos der Touristen. Schritttempo und Stillstand wechseln einander ab, bei den Hunderte Kilogramm schweren Tieren ebenso wie bei den Fahrzeugen. Bald staut sich der Verkehr in alle Richtungen. Es dauert gut 20 Minuten, bis die etwa 80 Bisons die Fahrbahn ganz gemächlich überquert haben.

Kalt ist es an diesem sonnigen Julimorgen und vor den Mäulern der Tiere sind die Atemfahnen gut sichtbar. Einige Urlauber steigen aus ihren Vans und Wohnmobilen aus, um das Spektakel besser fotografieren und filmen zu können. Die Begeisterung ist groß. Kein Wunder, denn vor 100 Jahren waren die Amerikanischen Bisons fast ausgerottet, hier im Park sind sie – frei lebend – wieder in größerer Zahl anzutreffen. Nicht alle Fotografen halten zu den wilden Rindern die knapp 25 Meter Sicherheitsabstand ein, die Nationalpark-Ranger den Besuchern immer wieder ans Herz legen. Etwas Risiko ist also dabei, sich bereits um 7 Uhr morgens auf der Speicherkarte der Kamera den ersten Höhepunkt des Tages zu sichern. Wie an jedem Tag im Sommer sind so viele Frühaufsteher unterwegs, dass sich die Fahrt durch das Hayden Valley fast so anfühlt wie städtischer Berufsverkehr. Das hat drei Gründe.

Wer Tiere sehen will, muss früh raus

Erstens sind früh am Morgen, ebenso wie am späten Nachmittag, die Chancen besonders groß, Elche, Grizzlybären und Bisons zu sichten. Zweitens sind die Wege weit zwischen den größten Attraktionen im ältesten Nationalpark der Welt. Je eher man losfährt, desto mehr passt das ins Tagesprogramm. Drittens ist der Frühstart im Hotel oder auf dem Campingplatz aber auch der Versuch, vor den vielen anderen Reisenden an den heißen Quellen und Geysiren anzukommen, für die der Yellowstone so berühmt ist. Wer zu spät kommt, schafft es nicht mehr auf die vollen Parkplätze. Seit Jahren schießen die Besucherzahlen vieler Nationalparks in den USA steil in die Höhe, auch im Yellowstone ist das so. Seit 2015 wurden mehr als vier Millionen Gäste jährlich gezählt. Eine Marke, die der Park niemals zuvor erreicht hatte. Binnen zehn Jahren stieg die Besucherzahl um rund 40 Prozent an.

Im vergangenen Jahr war der Yellowstone der fünftmeistbesuchte US-Nationalpark, obwohl die Sommersaison kurz ist und die Anreise in diesen abgelegenen Teil der Rocky Mountains lange dauert. Der größer gewordene Touristenansturm auf Tiere und Geysire hat zwar bisher nicht dazu geführt, dass der National Park Service (NPS) den Zugang zum Park erschwert. Sollten die Besucherzahlen jedoch weiter steigen, schließt die Behörde nicht aus, ein Verkehrsmanagement mit Shuttle-Bussen einzuführen. Auch die Pflicht für Touristen, an einigen Attraktionen ein Zeitfenster reservieren zu lassen, ist im Gespräch. Noch versucht die Parkleitung, die Gäste mit Empfehlungen ein wenig zu steuern. "An Orten mit Kultcharakter wie Old Faithful und am Grand Canyon of the Yellowstone wird immer viel los sein", sagt Parksprecherin Linda Veress. "Wir raten früh am Morgen oder später am Nachmittag dorthin zu fahren und den größten Andrang mittags zu vermeiden."

Ein Tipp: Nicht unbedingt auf vorgegebenen Pfaden wandern

Ein guter Tipp sei auch, nicht nur im Auto von einem Geysir zum anderen zu fahren, sondern zum Beispiel auf gekennzeichneten Wegen auch mal Wanderungen zu unternehmen. "Selbst wenn man sich nur wenig von den Straßen entfernt, ist das gleich eine ganz andere Erfahrung", ist Veress überzeugt.

Um lange Autofahrten kommen Yellowstone-Besucher jedoch trotzdem kaum herum. Denn die Distanzen sind groß. Von den heißen Quellen in Mammoth Hot Springs im Norden des Nationalparks zum Geysir Old Faithful zum Beispiel beträgt die Fahrtzeit eine Stunde und 25 Minuten – allerdings ohne Bisons und Zwischenstopps an anderen interessanten Orten wie der Thermalquelle Grand Prismatic Spring, die in allen Farben des Regenbogens leuchtet und pro Minute etwa 2200 Liter gut 70 Grad heißes Wassers an die Oberfläche holt.

Ein Yellowstone-Aufenthalt will auch wegen dieser weiten Fahrten gut geplant sein. Ideal ist es, im Wohnmobil oder Caravan anzureisen. Viele der Stellplätze sind jedoch vor allem im Sommer lange vorab reserviert und Spontanreisende haben deshalb schlechte Karten.

Außerhalb des Parks gibt es zum Beispiel in Cody in Wyoming oder in West Yellowstone und Gardiner in Montana Übernachtungsmöglichkeiten. Doch kommt dann täglich eine längere Anfahrt in den Park hiein dazu. Bei allen, die nicht erst mittags bei den Geysiren sein wollen, klingelt so noch früher der Wecker.

Alle Wege führen zum Old Faithful-Geysir

Viele Hauptattraktionen im Yellowstone liegen nahe der Grand Loop Road, die auf der Landkarte wie die Form der Acht aussieht. Viele Besucher konzentrieren sich einen Tag lang auf den südlichen Ring dieser Acht und am Tag darauf auf den nördlichen. In welche Richtung man fährt, ist dabei fast egal – ohnehin scheinen alle Wege zum Old Faithful-Geysir zu führen.

Nahe des Nordufers des Yellowstone Lake stehen Schilder, die als Distanz zum Old Faithful 39 Meilen nach Süden und 58 Meilen nach Norden angeben – was widersinnig erscheint, durch die Form der Straßenführung aber erklärbar ist.

Der Bisonstau im Hayden Valley hat sich inzwischen aufgelöst. Wenig später ist der Grand Canyon of the Yellowstone erreicht, eine gut 300 Meter tiefe und 32 Kilometer lange Schlucht, die mit den 93 Meter hohen Lower Falls einen echten Hingucker-Wasserfall ist. Der Parkplatz ist schon gut gefüllt, als Ranger Steve Cook um 9 Uhr mit dem Canyon Rim Walk beginnt – einer jener Touren, die täglich kostenlos angeboten wird. Es wird Wissenswertes über Tiere, Pflanzen und Naturphänomene vermittelt. Von Haus aus Geologe, versucht Cook seinen Begleitern nicht nur das zu erläutern, was sie sehen, sondern auch Unsichtbares, weil es tief in der Erde liegt.

Unter dem Yellowstone-Park brodelt ein Vulkan

Yellowstone ist ein Hochplateau über einem Riesenvulkan, der zuletzt vor 640 000 Jahren ausgebrochen ist. Unterhalb des Nationalparks zirkuliert Wasser in einem gigantischem System aus Rissen und Schächten. "Schnee und Regen versickern, werden irgendwann vom vulkanischen Brenner im Untergrund aufgeheizt und kommen wieder nach oben", erklärt Cook. Deshalb würde es so viele Geysire geben, dazu heiße Quellen und Tümpel wie den Mud Volcano im Hayden Valley. Der Kreislauf des Wassers dauere oft sehr lange: Was heute aus geothermischen Quellen austrete, habe zum Teil schon zu Zeiten von Christoph Kolumbus seinen Kreislauf im Untergrund begonnen.

Yellowstones bekannteste Geysire sind im Westen und Südwesten des Parks zu finden. Im Norris-Geysir-Becken liegt zum Beispiel der Steamboat-Geysir, dessen Eruptionen gut 90 Meter messen können. So hoch schießt nirgendwo sonst auf der Welt heißes Wasser aus der Erde.



Zwar ist es unvorhersehbar, wann genau er ausbricht, denn manchmal kommt er auf weniger als zehn Eruptionen in 25 Jahren. Im Frühling 2018 aber hat der Steamboat wieder eine aktivere Phase begonnen, allein im ersten Halbjahr 2019 wurden 25 Ausbrüche gezählt. Norris gilt als das dynamischste Becken im Nationalpark: Ständig verändert sich das Landschaftsbild, heiße Quellen versiegen, anderswo treten neue auf. Die Perspektiven ändern sich.

Und dann ist da noch Old Faithful, zu dem ja alle Wege führen. Im Schnitt etwa alle 90 Minuten schleudert der Geysir eine 30 bis 55 Meter hohe Fontäne aus bis zu 32 000 Liter kochendem Wasser Richtung Himmel. Riesige Parkplätze, mehrere Lodges, ein Besucherzentrum: Der "seZuverlässige" wird touristisch maximal verwertet. Es gibt Sitzbänke für das Publikum wie im Theater und wenn der Geysir zu sprudeln beginnt, schwillt ein Raunen der "Ahhhs" und "Ohhhs" an. Kameraauslöser klicken im Akkord, Handyvideos halten jeden Moment fest. Die meisten Besucher springen auf und am Ende der Eruption wird geklatscht.

Kaum ist der Ausbruch vorbei, wenden sich viele Touristen wieder zum Parkplatz. Weiterfahren, es gibt ja noch so viel zu sehen! Nur eine Minderheit geht weiter spazieren im Upper-Geysir-Becken, dem Ort mit der weltweit größten Geysir-Konzentration. Old Faithful ist nur einer davon, auch die Geysire Anemone, Grand, Castle, Giant, Turban und viele andere lassen sich betrachten. Nur sprudeln sie nicht so regelmäßig wie Old Faithful. Wer ihre Ausbrüche beobachten will, muss nicht nur früh aufstehen, sondern vielleicht auch lange warten.

Am Tag darauf klingelt der Wecker wieder um 6 Uhr. Heute ist West Thumb das erste Ziel, eine Gruppe von Geysiren und heißen Quellen am Westufer des Yellowstone Lake. Und diesmal klappt es tatsächlich , vor den Massen da zu sein: Nur drei andere Fahrzeuge stehen schon am See, die ersten Sonnenstrahlen glitzern auf der Wasseroberfläche und in der Kühle des Morgens steigt Dampf aus den Quellen. Stille liegt über den Holzstegen. Ungestört lässt sich die Natur genießen, zumindest für den Moment. Keine halbe Stunde später biegt der erste Reisebus auf den Parkplatz und öffnet die Türen.