Ohne Daten geht nichts

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Sa, 30. März 2019

Freiburg

Zwei Professorinnen sprechen mit Kerstin Andreae über Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz.

FREIBURG-ALTSTADT. "Künstliche Intelligenz – Freund oder Feind?" Unter dieser Frage hatte Kerstin Andreae, Freiburger Bundestagsabgeordnete der Grünen, am Donnerstagabend zwei Professorinnen der Uni Freiburg eingeladen: Informatikerin Hannah Bast und Juristin Silja Vöneky. Eine eindeutige Antwort auf die Freund-Feind-Frage bekamen sie und das Publikum auch am Ende nicht. Aber viele Anregungen, sich Gedanken über Chancen, Risiken und politischen Regulierungsbedarf der Künstlichen Intelligenz (KI) zu machen.

"Themen, die in der Gesellschaft wabern", wolle sie in ihrer Diskussionsreihe aufgreifen, sagt Andreae zur Begrüßung. Offenbar erfolgreich – im Foyer des Goethe-Instituts reichen die Stühle nicht, so groß ist der Besucherandrang. Zunächst gibt Hannah Bast eine kurze Einführung zu der Frage, worüber wir eigentlich reden, wenn wir KI sagen. Sie ist Professorin für Algorithmen und Datenstrukturen und auch Sachverständige der Enquete-Kommission des Bundestages zu Künstlicher Intelligenz. Mit diesem Begriff sei heute vor allem "Deep Learning" oder maschinelles Lernen gemeint: In der klassischen Informatik komme alle Intelligenz von dem Menschen, der programmiert und zum Beispiel festlegt, nach welchen Kriterien ein Immobilienportal im Internet Suchergebnisse anzeigt. Beim maschinellen Lernen dagegen definiert zwar auch der Programmierer Rechenregeln. Aber welche Suchergebnisse angezeigt werden "entwickelt das System selbst, indem es aus sehr vielen Beispielen lernt", so Bast: in diesem Fall eben aus den Daten der Millionen Nutzer des Portals.

Solche lernenden neuronalen Netze würden seit mehr als 50 Jahren erforscht – aber erst seit wenigen Jahren gebe es genügend Daten und Rechnerpower, damit die Technologie auch praktisch funktioniere. Nun sei es möglich, dass Maschinen Fähigkeiten lernten, die sich nicht durch ein starres Regelwerk ausdrücken ließen – wie etwa Sprachen oder das Erkennen von Gesichtern.

Es besteht Bedarf für rechtliche Regulierung

Entscheidend für die Ergebnisse seien Menge und Qualität der Lernbeispiele, also der Daten, sagte Bast: "Das System hat kein Weltwissen, es lernt nur, was es reinbekommt."

Ohne Daten geht also nichts – um so wichtiger ist ihr Schutz, findet Silja Vöneky. Sie ist Professorin für Völkerrecht, Rechtsethik und Rechtsvergleichung und Mitglied der Freiburger Forschungsgruppe "Verantwortliche Künstliche Intelligenz". Bürgerinnen und Bürger müssten die Möglichkeit zu einer "informierten Einwilligung" zur Nutzung ihrer Daten haben. Dafür müssten sie auch überschauen können, wozu diese genutzt werden.

Vöneky sieht aber noch weiteren Bedarf, KI rechtlich zu regulieren: Wenn etwa ein autonom fahrendes Auto eigenständige Entscheidungen treffe – wer hafte dann bei einem Unfall? Und wie könnte überhaupt eine sinnvolle Zulassung für ein solches Auto aussehen, wenn sein Steuerungssystem nicht mehr nach festgelegten Regeln funktioniert, sondern sich ständig weiter entwickelt, ohne von außen nachvollziehbar zu sein?

"Wir müssen als Gesellschaft entscheiden, welche Regeln wir wollen – und welche Risiken wir bereit sind einzugehen", sagt Vöneky. Das sieht auch Kerstin Andreae so: Die Politik müsse die KI gestalten und Unternehmen einen Rahmen setzen – aber gleichzeitig ihre Chancen nutzen. "Nehmen wir das Beispiel innerstädtischer Verkehr", sagt Andreae: "Der besteht zu 30 Prozent aus Parkplatzsuche, da hätte autonomes Fahren auch ein großes ökologisches Potenzial."

Hannah Bast wünscht sich von der Politik rechtliche Regelungen, "die dem Fortschritt nicht im Wege stehen und trotzdem Schutz gewährleisten." Während ihre Kollegin Silja Vöneky an diesem Abend stärker auf die Risiken schaut, betont Bast eher die Chancen – und plädiert für eine realistische Betrachtung des Themas KI, das in der Öffentlichkeit oft durch diffuse Ängste geprägt sei: "Dass Maschinen mit universeller Intelligenz die Weltherrschaft an sich reißen, ist in den nächsten Jahrhunderten so wahrscheinlich wie die Landung von Außerirdischen auf der Erde."