On Tour

Freiburger Jazzpianist Mössinger auf Tour in Russland: "Wir hatten ein euphorisches Publikum"

Peter Disch

Von Peter Disch

Sa, 16. November 2019 um 18:20 Uhr

Rock & Pop

Mit vielen Eindrücken ist der Freiburger Jazz-Pianist Johannes Mössinger von einer zehntägigen Russlandtournee zurückgekehrt. Die BZ hat seine Erlebnisse auf Tour protokolliert.

Auf Tour war Johannes Mössinger mit dem Bassisten Dan Loomis und dem Posaunisten Andy Hunter.

"Ein guter Bekannter, der im Jazzverband Baden-Württemberg sehr aktiv ist, hat seit langem Kontakte nach Russland und zum Festival "Jazz Province" aufgebaut. Das organisiert in einem Zeitraum von drei Wochen 30 Konzerte in russischen Städten, für die auch Künstler aus dem Ausland engagiert werden. Wir sind in Moskau-Podolsk, Tula, zweimal in Kursk und in Belgorod aufgetreten. Für die Konzerte gab es ganz normal eine Gage, zudem haben wir von dem Exportförderprogramm des Landes Baden-Württemberg für Auslandstourneen profitiert.

Die Vorbereitungen waren sehr aufwändig. Das geht nicht mit einem Touristenvisum. Erst muss das Festival eine offizielle Einladung schicken. Mit deren Hilfe haben wir unsere Unterlagen zusammengestellt. Man muss nachweisen, dass man wieder in sein Heimatland zurückgeht, dort arbeitet und den Lebensmittelpunkt hat. Diese Unterlagen gehen dann an die Polizeibehörde. Die schickt dann eine eigene offizielle Einladung ans russische Konsulat in Berlin. Und dann folgt noch das aufwändige Visum-Prozedere.

Vor Ort war alles toll organisiert. Das Festival hat viele engagierte Helfer, die die Künstler betreuen. Sobald man aus Moskau rauskommt, muss man Kyrillisch und Russisch können, um sich gut verständigen und orientieren zu können. Da war es sehr wichtig, jemanden zu haben, der übersetzen kann und für uns alle möglichen Fragen klären konnte.



Wir waren hauptsächlich mit dem Auto unterwegs, die Rückreise nach Moskau haben wir mit dem Nachtzug gemacht, was in Russland sehr beliebt ist. Der war richtig komfortabel, besser als so mancher Nachtzug in europäischen Ländern.

Wir haben tolle, große Häuser bespielt. Das waren in den jeweiligen Städten die schönsten Veranstaltungsorte, die es gab. Philharmonien oder Kulturhäuser, die zwischen 500 und 800 Besuchern fassen konnten, ein bisschen wie die kleinere Version des Großen Hauses des Theaters in Freiburg. Pro Abend haben drei Bands gespielt, jede hatte ungefähr eine Stunde zur Verfügung. Wir haben Künstler aus Russland getroffen. Die leben meist in Moskau, weil sich alles dort abspielt. Dann waren Bands aus den USA, aus Dänemark, Polen und Italien dabei.

Ein begeisterungsfähiges Publikum

Die Säle waren gut gefüllt, und wir hatten durch die Bank ein euphorisches Publikum. Die Russen sind unheimlich begeisterungsfähig. Für mich war interessant, wie das Publikum auf meine eigenen Kompositionen reagiert, weil wir ja keine Standards gespielt haben. Da gab es teils Szenenapplaus, die Leute haben mitgeklatscht und sind mitgegangen.

Stilistisch waren die Beiträge aus Dänemark, Polen und Amerika tendenziell eher konservativ. Aus Moskau war eine richtige Groove-Band dabei, sehr modern, die mit elektronischen Elementen und Videoperformance toll rüber kam. Unser Beitrag war einer der modernsten, weil wir improvisatorisch sehr individuell gearbeitet und unser ganzes Spektrum von Tonalität und Atonalität abgerufen haben.

Ich war das erste Mal in Russland. In Moskau hatte ich das Glück, im Zentrum zu wohnen, nur einen Block entfernt von der Wohnung des Schriftstellers Michail Bulgakow, die heute ein Museum ist. Das habe ich besucht, ebenso wie einen Prominentenfriedhof. Dort stand ich am Grab des Komponisten Dmitri Schostakowitsch, den ich sehr verehre. Mit jedem Kilometer, den man aus Moskau rauskommt, wird es ländlicher, bäuerlicher, auch ärmlicher. Da spürt man den wirtschaftlichen Druck. Auch in den anderen Städten, in denen wir waren, sind die Verhältnisse nicht mit Moskau zu vergleichen.

Wir haben natürlich Kontakte zu anderen Musikern geknüpft. Es gibt eine Einladung nach Polen. Da muss man sehen, ob sich das auch realisieren lässt. Ebenso haben wir vom Freiburger Jazzkongress erzählt, dessen Programm ich mache. Aber auch da muss man abwarten, ob es einer Band gelingt, noch mehr Auftritte zu bekommen, damit eine richtige Tour zusammenkommt. Warten wir’s ab."
Nächster Auftritt:

Johannes Mössinger Quartett

Freitag, 22. November 2019, 20:30 Uhr

Freiburg, Schützen